Erwachsene, die mit dem Klavier aufhören, hören fast nie auf, weil sie es nicht können. Sie hören auf, weil der Stoff langweilig wurde, bevor das Spielen gut genug war. Das ist ein Problem von Zeitplan und Motivation, das nur wie ein Talentproblem aussieht. Klavier-Apps für Erwachsene vergleichst du deshalb am besten nicht nach der Zahl der Lektionen oder danach, welche den freundlichsten Einstieg hat. Frag lieber, wie viele Wochen vergehen, bis du etwas spielst, das du dir auch freiwillig anhören würdest.
Stellst du diese Frage, zerfallen die Apps ziemlich klar in zwei Gruppen. Manche bringen dir Notenlesen bei und kommen langsam und gründlich bei echten Songs an. Andere legen dir am ersten Tag einen Song hin und lassen das Lesen weg. Beides hat seine Berechtigung. Die falsche Sorte für dein Temperament zu wählen ist aber der häufigste Grund, warum Erwachsene ein Jahr verschenken.
Weiter unten liest du, wie du herausfindest, welcher Typ du bist, welche Apps welche Aufgabe gut machen und wie ein Übe-Plan aussieht, der eine ganz normale Woche im Erwachsenenleben übersteht.
Damit du uns richtig einschätzen kannst: Wir machen Songscription, und unser Team macht auch Anything Piano. Wo eine andere App für Erwachsene am Anfang besser passt, sagen wir das, und zwar weiter unten gleich mehrmals.
Was darüber entscheidet, ob du dranbleibst
Ein Kind im Klavierunterricht wird von außen bei der Stange gehalten: Die Eltern zahlen, die Lehrkraft erwartet etwas, im Juni ist Vorspiel. Bei Erwachsenen fällt das alles weg. Sie hält nur der Wunsch, ein bestimmtes Stück selbst spielen zu können, und dieser Wunsch hat ein Haltbarkeitsdatum. Wenn die App acht Wochen lang Notennamen durchnimmt, bevor sie dich an irgendetwas heranlässt, das du kennst, ist der Wunsch ungefähr in Woche fünf abgelaufen.
Deshalb zählt die Songauswahl für Erwachsene mehr als für jede andere Gruppe, und deshalb lohnt es sich, sie zu prüfen, bevor du irgendein Abo abschließt. Öffne den Katalog der App und such nach drei Songs, die du wirklich spielen willst. Nicht nach drei berühmten Songs, sondern nach den dreien, die dir durch den Kopf gingen, als du beschlossen hast, Klavier zu lernen. Die meisten Erwachsenen finden einen der drei, manchmal keinen. Jede Katalog-App muss jeden Song von Hand arrangieren lassen, und deshalb hört der Katalog weit vor dem auf, was es an aufgenommener Musik gibt.
Eine App funktioniert genau andersherum. Anything Piano sucht Songs nicht in einem Katalog heraus. Du gibst der App eine Audiodatei oder einen Link von YouTube, TikTok oder Instagram, und ein Transkriptionsmodell schreibt die Klavierstimme direkt aus der Aufnahme heraus. Danach erscheint sie als fallende Noten, zu denen du mitspielst, während die App über dein Mikrofon zuhört. Für Erwachsene am Anfang fällt damit der häufigste Grund weg, die Lust zu verlieren: dass die App genau den Song nicht hat, wegen dem du gekommen bist.
Welcher Typ bist du beim Lernen?
Sei hier ehrlich statt ehrgeizig. Die ehrgeizige Antwort endet sonst in einem Abo, das du nie nutzt.
Du willst einen bestimmten Song spielen
Es gibt ein Stück, bei dem du dich schon spielen siehst, vielleicht seit Jahren. Alles andere ist verhandelbar. Wenn das auf dich zutrifft, kommst du mit einer Piano Roll am schnellsten ans Ziel: Noten fallen auf eine Klaviatur zu, du ordnest die fallenden Balken den Tasten zu und kannst schon am ersten Abend einen Teil von einem Song spielen, den man wiedererkennt. Lesen kommt später oder nie. Das ist ein echter Kompromiss, umsonst gibt es den schnellen Start nicht. Mehr dazu steht in Piano Roll oder Noten.
Du willst Noten lesen können
Du willst eine Fähigkeit, die länger hält als jede App: in einen Laden gehen, ein Notenheft kaufen und spielen, was auf der Seite steht. Der Start ist langsamer, dafür kommst du am Ende viel weiter. Du brauchst dann eine App, die mit Notation beginnt, und musst auch durch den langweiligen Teil durch. Schau dir Simply Piano und Skoove an. Wenn das wirklich deine Wahl ist, soll dich nichts in diesem Artikel davon abbringen.
Wenn du unsicher bist, willst du meistens beides
Die meisten Erwachsenen wollen den Song jetzt und die Fähigkeit irgendwann. Ehrlich gesagt fährst du dann besser, wenn du beides parallel machst, statt dich zu entscheiden: eine Kurs-App für zwanzig Minuten Leseübung und eine Piano-Roll-App für das Stück, das dir wirklich am Herzen liegt. Motivation und Technik sind zwei verschiedene Probleme, und ein einzelnes Abo löst selten beide. Über diese Kombination haben wir im Artikel Einen Song lernen, der nicht in deiner Klavier-App ist geschrieben.
Die Apps im Vergleich
Klavier-Apps für erwachsene Anfänger:innen im Vergleich: woher die Songs kommen, was du auf dem Bildschirm liest, ob ein akustisches Klavier funktioniert und wie schnell du einen echten Song spielst
| App | Woher die Songs kommen | Was du liest | Akustisches Klavier? | Bis zum ersten echten Song |
|---|---|---|---|---|
| Anything Piano | Jede Aufnahme, jeder Link | Piano Roll | Ja, Mikrofon oder MIDI | Am ersten Abend |
| Simply Piano | Fester Katalog | Notation | Ja, Mikrofon oder MIDI | Wochen |
| Skoove | Kleiner fester Katalog | Notation | Ja, Mikrofon oder MIDI | Tage bis Wochen |
| flowkey | Fester Katalog, über 1.500 | Notation plus Video der Hände | Ja, Mikrofon oder MIDI | In der ersten Woche |
| Yousician | Fester Katalog | Notation | Ja, Mikrofon oder MIDI | In der ersten Woche |
| Synthesia | MIDI-Dateien, die du mitbringst | Piano Roll | Nein, nur MIDI | Am ersten Abend, falls es eine Datei gibt |
Welche App für welche Aufgabe
Anything Piano für den Song in deinem Kopf
Hier ist die App am stärksten: Es gibt keinen Katalog. Der Song, wegen dem du überhaupt lernen willst, ist also ab dem ersten Tag da, egal ob ihn schon jemand arrangiert hat. Die App nimmt Eingaben über das Mikrofon an, genauso wie MIDI über Bluetooth und USB. Das Klavier im Haus deiner Eltern funktioniert deshalb ebenso wie ein geliehenes Keyboard mit 61 Tasten, und die App fragt, wie viele Tasten du hast, damit die Onscreen-Klaviatur dazu passt. Du kannst eine Stelle langsamer abspielen und sie Abschnitt für Abschnitt durcharbeiten. So lernen Erwachsene ein Stück auch wirklich.
Weniger stark ist sie in einem Punkt, der für den Anfang wichtig ist: Anything Piano ist zum Spielen da, nicht als Lehrplan. Die App bringt dir keine Notennamen bei, lässt dich keine Tonleitern üben und sagt dir nicht, was du nächste Woche machen sollst. Du siehst eine Piano Roll statt eines Notensystems. Anything Piano erstellt ausschließlich Piano-Roll-Tutorials und keine Noten. Wenn Notenlesen dein Ziel ist, ist das also die falsche erste App. Es gibt sie für iPhone und iPad, für Android und Web gibt es eine Warteliste.
Simply Piano oder Skoove, wenn du bei null anfangen willst
Simply Piano hat in dieser Kategorie die kleinschrittigste Abfolge für den Anfang und setzt nichts voraus. Das passt, wenn du das mittlere C noch nie gefunden hast. Skoove passt besser, wenn du einen Kurs willst, aber damit rechnest, dass dir die Geduld ausgeht: Die App führt früh Notation ein, du kommst schneller bei Musik an, die du kennst, und sie läuft auf mehreren Plattformen. Damit ist sie unter Android die stärkste Option mit festem Kurs.
Weniger stark sind beide beim Katalog. Jeder Song wurde von einem Menschen arrangiert, deshalb hört der Katalog weit vor der Musik auf, die du hörst, und Erwachsene merken das ungefähr nach drei Monaten. Was Leute dann machen, steht in unseren Ratgebern zu Alternativen zu Simply Piano und Alternativen zu Skoove.
flowkey, wenn du beim Fingersatz hängen bleibst
Wer sich Klavier selbst beibringt, macht beim Fingersatz mehr falsch als bei allem anderen, und für Software ist genau das am schwersten zu korrigieren. flowkey zeigt ein Video von oben auf die Hände am Klavier, und das ist die beste Antwort, die eine App darauf hat. Weil es pro Song mehrere Schwierigkeitsstufen gibt, kann ein Stück dort ansetzen, wo du gerade stehst. Schwächer ist flowkey beim Plan. Die App ist ein Katalog und kein Kurs, sie gibt dir also keinen Plan vor, und irgendwann stößt du wie überall an die Grenzen des Katalogs.
Songscription, wenn du die Noten auf Papier willst
Songscription ist keine Lern-App, und trotzdem lohnt es sich, davon zu wissen. Wenn du ein bestimmtes Stück nach Noten üben willst, kannst du die Aufnahme in Noten umwandeln und bekommst Noten, die du ausdrucken, mit Fingersätzen versehen und aufs Notenpult stellen kannst. Songscription hört dir nicht beim Spielen zu und sagt dir nicht, ob du richtig gespielt hast. Es ergänzt also eine App, statt sie zu ersetzen, und ist in diesem Vergleich die einzige Möglichkeit, am Ende etwas auf Papier zu haben.
Ein Übe-Plan, der eine normale Woche übersteht
- Lass das Instrument aufgebaut und offen stehen. Diese Änderung bringt den meisten Erwachsenen am Anfang am meisten. Ein Keyboard in der Tasche wird nur am Wochenende gespielt.
- Zwanzig Minuten an den meisten Tagen statt zwei Stunden am Sonntag. Es zählt, wie oft deine Hände zu einem Muster zurückkehren, und nicht, wie lange eine Übeeinheit dauert.
- Übe einen Abschnitt, nicht das ganze Stück. Acht Takte mit halber Geschwindigkeit, bis sie langweilig sind, dann die nächsten acht. Wie diese Schleife im Detail läuft, steht in unserem Ratgeber einen Song Abschnitt für Abschnitt lernen.
- Mach die Aufnahme langsamer, statt selbst schneller zu werden. Die meisten Apps können das, und so übst du die Töne und nicht die Fehler. Einen Überblick findest du im Artikel Die besten Apps zum Verlangsamen von Musik.
- Hör jede Übeeinheit mit etwas auf, das du schon spielen kannst. Das klingt altmodisch. Es ist aber der Grund, warum du dich morgen wieder hinsetzt.
- Nimm alle ein bis zwei Monate eine Unterrichtsstunde, wenn es geht. Keine App sieht deine Handgelenke, deine Handhaltung oder deinen Pedalfuß, und falsche Gewohnheiten wirst du dort später nur mühsam wieder los.
Fehler, die Erwachsene im ersten Monat machen
Der erste: Du suchst dir ein Stück aus, das vier Stufen über deinem Stand liegt, rennst zwei Wochen dagegen an und kommst zu dem Schluss, dass du kein Talent hast. Die Lösung ist kein leichterer Song, der dir egal ist. Es ist derselbe Song, langsamer und nur die ersten acht Takte. So wird daraus eine Version des Stücks, die du diesen Monat wirklich schaffen kannst.
Der zweite: Du kaufst einen Kurs, weil sich das vernünftig anfühlt, und öffnest ihn dann nie. Wenn du ehrlich bist und eigentlich wegen eines bestimmten Musikstücks lernst, ist ein Lehrplan ein Umweg, und für Umwege gibt es keine Belohnung. Fang beim Song an und nimm Struktur dazu, sobald du merkst, dass du sie willst.
Der dritte: Du hältst die Punktzahl der App für das Ziel. Jede App in dieser Kategorie sagt dir, ob du die richtigen Töne zur richtigen Zeit getroffen hast, und keine kann hören, ob die Phrase nach Musik klang. Nimm den Prozentwert als grobe Kontrolle, ob du auf Kurs bist, und beurteile das Ergebnis mit deinen Ohren.
Häufige Fragen
Welche Klavier-App ist für Erwachsene am Anfang die beste?
Wenn du schon einen bestimmten Song im Kopf hast, Anything Piano. Die App macht aus einer Aufnahme dieses Songs eine Piano Roll, zu der du spielen kannst, statt dich aus einem Katalog wählen zu lassen, und genau das lässt Erwachsene dranbleiben. Willst du bei null anfangen und Notenlesen lernen, dann Simply Piano oder Skoove. Beide haben einen richtigen Kurs mit Notation ab der ersten Lektion. Viele Erwachsene nutzen am Ende eine App von jeder Sorte.
Bin ich zu alt, um Klavier zu lernen?
Nein. Erwachsene lernen Klavier in fast allem, was sich messen lässt, schneller als Kinder: beim Erkennen von Mustern, beim Verständnis für Harmonien und darin, gezielt zu üben, statt nur zu wiederholen. Was Erwachsenen eher fehlt, ist Geduld mit Stoff, den sie langweilig finden, und Zeit, die sie verschwenden können. Das ist ein Problem der Motivation und nicht der Fähigkeit. Deshalb zählt für Erwachsene die Wahl der Songs mehr als ein Lehrplan.
Brauche ich ein echtes Klavier, um mit einer App zu lernen?
Du brauchst ein Instrument mit echten Tasten, aber es muss weder teuer noch digital sein. Anything Piano, Simply Piano, flowkey, Skoove und Yousician hören alle über das Mikrofon deines Geräts zu. Ein akustisches Klavier oder ein geliehenes Keyboard mit 61 Tasten funktioniert also ohne Kabel. Ein Digitalpiano mit gewichteten Tasten ist besser für die Technik, und über MIDI angeschlossen ist es genauer als das Mikrofon. Das ist ein Upgrade, nötig ist es aber nicht. Wie du den Raum dafür einrichtest, steht in Klavier lernen ohne MIDI-Keyboard.
Wie viel sollten Erwachsene am Anfang Klavier üben?
Zwanzig Minuten an den meisten Tagen bringen mehr als zwei Stunden am Sonntag. Den Ausschlag gibt, wie oft deine Hände zu einem Muster zurückkehren, und nicht, wie lange du am Stück übst. Für Erwachsene funktioniert zum Beispiel diese Aufteilung: fünf Minuten etwas Technisches, zehn Minuten langsam an einem kurzen Abschnitt eines echten Stücks und fünf Minuten etwas, das du schon spielen kannst. Dieser letzte Teil sorgt dafür, dass du wiederkommst.
Fazit
Die Ratschläge, die Erwachsene zum Klavierlernen bekommen, stammen meistens aus dem Unterricht mit Kindern, und im Wochenalltag von Erwachsenen halten sie nicht lange. Ein Kind mit zehn Jahren lässt sich von den Eltern und einem Vorspieltermin durch ein Jahr Tonleitern tragen. Wer 35 ist, hat einen Job, und das Einzige, was einen zuverlässig am Mittwochabend ans Instrument bringt, ist der Wunsch, ein bestimmtes Stück selbst spielen zu können. Ein Vergleich von Klavier-Apps für erwachsene Anfänger:innen, der das übergeht, vergleicht die falschen Dinge.
Fang also beim Song an, und zwar bei einem ganz bestimmten. Such ihn im Katalog, bevor du ein Abo abschließt. Wenn er nicht da ist, dann mach dir klar, dass ihn auch der beste Unterricht in dieser App nicht herbeizaubert. Entweder suchst du dir einen anderen Song aus, der dir fast genauso viel bedeutet, oder du nimmst eine App wie Anything Piano, die die Stimme aus der Aufnahme schreibt und dir die Frage nach dem Katalog ganz erspart. Einen Kurs nimmst du dazu, wenn du wissen willst, warum der Akkord unter deiner linken Hand tut, was er tut. Diese Reihenfolge funktioniert für Erwachsene. Die umgekehrte Reihenfolge ist der Grund, warum so viele von uns ein Keyboard im Schrank haben.