AnleitungMusiktranskriptionAndrew Carlins•8 Min. Lesezeit

So transkribierst du Jazzpiano-Akkorde mit KI

Beim Jazzpiano steckt das Geheimnis in den Voicings. Die Akkorde vom Klavier nach Gehör herauszuhören kann Stunden dauern, und die Mittelstimmen fehlen dir am Ende trotzdem. Mit einer KI-Transkription bekommst du die Töne erst mal aufs Papier und liest die Harmonik danach als Akkorde, mit denen du arbeiten kannst.

Dichte Jazzpiano-Voicings, per KI aus einer Aufnahme als Noten mit Akkordsymbolen transkribiert

Teil unseres Leitfadens, wie du die Akkorde zu jedem Song herausfindest.

Beim Jazzpiano steckt alles in den Voicings. Wer gut Jazzpiano spielt, nimmt einen Akkord, den du kennst, und verteilt ihn mit Erweiterungen und Spannungstönen auf beide Hände. Dazu kommt oft eine Mittelstimme, die sich bewegt, während die äußeren Töne liegen bleiben. Du hörst, dass es satt klingt. Welche Töne genau diesen Klang ergeben, ist dagegen schwer herauszuhören, und an dieser Stelle steigen die meisten Ohren aus.

Mit einer KI-Transkription kommst du an diese Töne heran. Du nimmst das Stück auf, lässt es durch ein Klaviermodell laufen und liest die Harmonik als Noten mit Akkordsymbolen darüber. Dafür brauchst du eine saubere Aufnahme, und bei den dichtesten Voicings schaust du am Ende selbst noch einmal drüber.

Warum Jazz-Voicings nach Gehör so schwer sind

Ein Popsong liefert dir oft einen klaren Dreiklang, den du in einer Sekunde benennen kannst. Beim Jazzpiano passiert das selten. Nimm ein Symbol wie „Dm7“. Es steht für die vier Töne D, F, A und C, also einen d-Moll-Dreiklang mit der kleinen Septime obendrauf. Auf dem Papier sieht das einfach aus. Am Klavier spielt man den Akkord im Jazz aber vielleicht als Voicing ohne Grundton. Dann liegen None und Undezime über Terz und Septime, und den Grundton übernimmt der Bass. Die Töne liegen dicht beieinander, und einige davon reiben sich mit Absicht.

Diese Dichte macht das Heraushören so langsam. Den obersten Ton und den Bass bekommst du noch mit, aber die zwei, drei Töne in der Mitte verschwimmen. Dasselbe Problem beschreiben wir in unserem Artikel über monophone und polyphone Transkription: Viele gleichzeitige Töne lassen sich viel schwerer auseinanderhalten als ein Ton nach dem anderen. Jazzpiano ist Polyphonie in ihrer dichtesten Form.

1. Eine saubere Aufnahme machen

Wie gut die Transkription wird, entscheidet sich schon bei der Aufnahme. Für Klavier haben wir unser am weitesten entwickeltes Modell, und am besten arbeitet es mit einer klaren Aufnahme von Soloklavier ohne andere Instrumente. Je weniger dazwischenfunkt, desto sauberer erkennt es die Mittelstimmen.

  • Am besten eignet sich reines Soloklavier. Ein Solotrack aus dem Studio oder ein nah aufgenommenes akustisches Klavier ist besser als ein Live-Mix mit Trio, bei dem Bass und Schlagzeug aufs Klavier übersprechen.
  • Hast du nur eine Aufnahme mit ganzer Band, trenn vorher die Klavierspur heraus. Mit sauberem Ausgangsmaterial wird auch das Ergebnis sauberer.
  • Spielst du selbst auf einem Digitalpiano, nimm direkt MIDI auf. Dann sind die Notendaten exakt, und die Transkription wird so sauber, wie es überhaupt geht.

2. Die Voicings als Noten lesen

Lade die Aufnahme hoch und wähl Klavier aus. Zurück bekommst du bearbeitbare Noten und eine Piano Roll, in der jeder Ton als Block in einem Raster steht. Das Modell teilt das Spiel auf linke und rechte Hand auf und setzt es in ein Klaviersystem. Bei einer sauberen Soloaufnahme kommt das Ergebnis nah an das heran, was jemand mit viel Transkriptionserfahrung aufschreiben würde, samt der Mittelstimmen, die du nach Gehör nicht herausbekommen hast.

Für ein dichtes Voicing ist die Piano Roll die beste Ansicht. Jeder Ton im Stapel ist ein eigener Block, und so siehst du genau, wie der Akkord über die Tastatur verteilt ist. Diese Ansicht bekommst du mit einer Klaviertranskription zu jeder Aufnahme. In unserer Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Transkribieren von Klaviermusik mit KI stehen die Upload-Einstellungen, mit denen das Ergebnis am saubersten wird.

3. Die Akkordsymbole als Ausgangspunkt nutzen

Die KI erkennt an jeder Stelle der Aufnahme den Akkord und schreibt ein Symbol dazu. Damit hast du einen guten Ausgangspunkt, um die Harmonik zu verstehen. Du siehst, wo die Akkordfolge abbiegt, wo eine ii-V landet und auf welchem Akkord ein vollgepacktes Voicing aufbaut.

Die ii-V-Verbindung solltest du kennen, denn sie trägt die meisten Jazzstandards. Die römischen Ziffern zählen die Akkorde von der Tonart aus nach oben. In C-Dur steht ii für d-Moll, den Akkord auf der zweiten Stufe, V für G mit Dominantseptime auf der fünften Stufe und I für C-Dur, die Tonika, bei der die Musik zu Hause ist. Hintereinander ergibt das die ii-V-I, eine Kadenz von Dm7 über G7 nach Cmaj7, die das Ohr wieder nach Hause zieht. Sobald du sie erkennst, ergeben die Akkordsymbole einen Zusammenhang, den du lesen kannst wie einen Satz. Liest du die Harmonik aus einer Transkription, verrät dir eine erkannte ii-V auch, welche Funktion ihre Akkorde haben. Erst dadurch wird aus einem transkribierten Chart etwas, aus dem du wirklich spielen kannst.

Rechne damit, ein paar Symbole zu korrigieren. Derselbe Tonstapel lässt sich je nach Bass und Zusammenhang unterschiedlich lesen, und Jazzharmonik steckt voller solcher Mehrdeutigkeiten. Nimm die Symbole zur Orientierung im Chart und prüf sie danach an den Noten in der Notenzeile. Wenn es dir nur um Akkorde und Melodie geht, behältst du die Oberstimme und die Symbole, lässt den Rest weg und hast ein Leadsheet. Wie das geht, zeigt unsere Anleitung zum Transkribieren eines Leadsheets aus einer Aufnahme, und was ein Leadsheet ist, erklären wir in einem eigenen Artikel.

4. Die dichtesten Stellen nachbearbeiten

Ein paar Passagen brauchen vielleicht einen zweiten Blick. Bei sehr dichten Voicings, in denen sich vier oder fünf Töne auf engem Raum drängen, und bei schnellem Comping kann das Modell danebenliegen und lässt dann manchmal einen Ton weg oder fügt einen hinzu. Geh diese Stellen in der Piano Roll durch. Dort fällt ein verirrter Ton sofort auf, und du ziehst ihn einfach an die richtige Stelle. Auch der Rhythmus einer geswingten Rubato-Passage braucht eventuell einen kleinen Schubs, damit er sich in den Noten sauber liest. Der Rest, also lang gehaltene Voicings und klare einstimmige Soli, kommt meist korrekt heraus.

Sieh die Transkription als genauen Entwurf, den du noch verfeinerst, und schau dir damit an, wie jemand, dessen Spiel du bewunderst, die Harmonik aufbaut. Wie du aus dieser Analyse eigene Songs machst, steht in unserem Artikel über das Analysieren von Songs, die du bewunderst. Das Voicing, das du nach Gehör nie benennen konntest, steht jetzt vor dir in der Notenzeile.

Häufige Fragen

Warum bekommt dasselbe Voicing manchmal zwei verschiedene Akkordsymbole?

Weil ein Stapel von Tönen je nach Bass und umgebender Harmonik zu mehr als einem Akkord gehören kann. Die Töne D, F, A und C sind mit D im Bass ein Dm7. Über einem F lassen sich dieselben Töne als F6 lesen, und über einem B, im Englischen B♭, gehen sie Richtung B-Dur. Die KI schreibt die wahrscheinlichste Lesart hin, und an mehrdeutigen Stellen passt die nicht immer zu der Funktion, die du hörst. Kommt dir ein Symbol komisch vor, schau dir an, was der Bass macht und was die Akkorde drumherum nahelegen. Dann benenn den Akkord so um, dass er in die Akkordfolge passt.

Bekomme ich mit der Transkription auch Akkordsymbole?

Ja. Die KI erkennt an jeder Stelle der Aufnahme den Akkord und schreibt dir ein Akkordsymbol zu den Noten. Mit diesen Symbolen hast du einen guten Ausgangspunkt, um die Harmonik zu studieren. Bei dichten Jazz-Voicings benennst du vielleicht ein paar davon um, weil sich derselbe Tonstapel je nach Bass und Zusammenhang unterschiedlich lesen lässt. Nimm die Symbole zur Orientierung und prüf sie danach an den Noten.

Welche Aufnahme eignet sich am besten, um Jazzpiano zu transkribieren?

Eine saubere Aufnahme von Soloklavier ohne andere Instrumente. Je weniger dazwischenfunkt, desto besser liest das Modell die Voicings. Ein Solotrack aus dem Studio oder ein nah aufgenommenes akustisches Klavier funktioniert deutlich besser als ein Live-Mix mit Trio, bei dem Bass und Schlagzeug aufs Klavier übersprechen. Hast du nur eine Aufnahme mit ganzer Band, trenn zuerst das Klavier heraus. Mit sauberem Ausgangsmaterial wird auch das Ergebnis sauberer.

Wie mache ich aus der Transkription ein Leadsheet?

Du behältst die Melodie und die erkannten Akkordsymbole und lässt den Rest weg. Eine vollständige Transkription enthält jeden gespielten Ton, ein Leadsheet nur die Melodie in der Oberstimme und die Akkordsymbole darüber. Die Mittelstimmen entfernst du im Editor und exportierst dann die Fassung mit Melodie und Akkorden. So hast du ein Chart, aus dem eine Band spielen kann, und die dichten Voicings bleiben zum Studieren in der vollständigen Transkription.

Zur Person

Andrew Carlins

Geschrieben von

Andrew Carlins

Mitgründer und CEO von Songscription

Andrew hat Songscription in Stanford zusammen mit ein paar anderen Musiker:innen gegründet. Sie hatten es satt, die Noten zu den Songs, die sie spielen wollten, nirgends zu finden. Er ist mit Klavier und Baritonsaxofon aufgewachsen und stand in Musicals auf der Bühne. Das ist zwar schon Jahre her, aus dem Takt ist er nach eigener Einschätzung aber noch lange nicht. Hier schreibt er darüber, wie ein Song von der Aufnahme aufs Papier kommt.

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