Die meisten Popsongs wurden ursprünglich gar nicht auf einem Klavier gespielt. Sie entstehen im Studio aus Schlagzeug, Bass, Synthesizern, Gitarren und mehreren Gesangsspuren. Wenn ein Klavier dabei ist, trägt es oft nur eine Klangschicht irgendwo im Mix bei. Willst du den Song auf dem Klavier spielen, entscheidest du deshalb zuerst, welche Aufgaben das Instrument übernehmen soll. Schließlich ersetzt es eine ganze Produktion.
Die Harmonie ist im Pop meist überschaubar. In vielen Songs wiederholen sich drei oder vier Akkorde über einen ganzen Abschnitt hinweg, oft in der Folge I-V-vi-IV. Schwieriger sind meist der Rhythmus, die Voicings und die Entscheidung, ob du die Gesangsmelodie oder die aufgenommene Stimme des Tasteninstruments spielst.
Du kannst also mit der Akkordfolge anfangen, dann die linke Hand ergänzen und die Melodie dazunehmen. Danach lässt sich entscheiden, wie genau du dich an die Aufnahme halten möchtest.
Wir entwickeln Songscription und mit unserem Team auch Anything Piano. Bei den hier beschriebenen Schritten kannst du beide nutzen. Auch das Heraushören gehört dazu, denn dabei lernst du nach wie vor am meisten.
Warum lassen sich Popsongs auf dem Klavier oft schwer spielen?
Popsongs werden meist als Aufnahme produziert, statt an einem Tasteninstrument komponiert. Auf der Aufnahme verteilt sich der Song auf viele Instrumente, die jeweils etwas Einfaches spielen. Am Klavier musst du das mit zehn Fingern zusammenbringen. Die Töne selbst sind selten schwierig. Du wählst aus, welche davon du behältst, und übernimmst den Rhythmus, den vorher das Schlagzeug getragen hat.
Bei einem Nocturne von Chopin ist jeder Ton in den Noten für das Klavier geschrieben. Eine moderne Chartsingle besteht dagegen aus einer Gesangsmelodie, einer Bassstimme, einem Beat und ein paar Synthesizer-Schichten. Beim Nocturne steht die Klavierfassung schon fest. Bei der Single entsteht sie erst, wenn jemand entscheidet, wie sie gespielt werden soll. Deshalb können zwei Klaviercover desselben Popsongs völlig unterschiedlich klingen. Und deshalb findest du bei der Suche nach Noten oft Arrangements, die sich für dich nicht richtig anfühlen.
Es gibt Ausnahmen. Popsongs, in denen das Klavier im Mittelpunkt steht, wurden am Instrument geschrieben, etwa Songs von Elton John und Billy Joel, Balladen von Adele oder Songs von Alicia Keys. Hier lernst du die Klavierstimme aus der Aufnahme. Bei anderen Songs dient die Aufnahme als Vorlage, aus der du dein Arrangement entwickelst. Welche Entscheidungen dabei anstehen, erklären wir ausführlicher im Artikel zum Arrangieren eines Klaviercovers.
Die Vier-Akkord-Folge
Die Folge I-V-vi-IV begegnet dir in der Popharmonik besonders oft. In C-Dur sind das C, G, a-Moll und F. Diese Folge oder eine Variante mit einem anderen Startakkord begleitet sehr viele Refrains. Wenn du die Abfolge so übst, dass sie in den Fingern sitzt, und in andere Tonarten verschieben kannst, spielst du damit die Harmonie von Dutzenden Songs, ohne jede Folge einzeln lernen zu müssen.
Bekannte Beispiele sind „Let It Be“ von den Beatles, „No Woman, No Cry“ von Bob Marley, „With or Without You“ von U2 und „Someone Like You“ von Adele. Sie verwenden diese Folge oder eine ähnliche Variante. Die Comedygruppe The Axis of Awesome hat aus dieser Gemeinsamkeit ein ganzes Medley gemacht.
Fängst du bei einem anderen der vier Akkorde an, ergeben sich weitere verbreitete Folgen. vi-IV-I-V, also a-Moll, F, C und G, klingt dunkler und drängender und kommt in vielen Pop- und Rocksongs der 2010er-Jahre vor, zum Beispiel in „Zombie“ von The Cranberries. I-vi-IV-V ist die Doo-Wop-Folge der 1950er-Jahre. Weil dieselben vier Akkorde vorkommen, kannst du die Griffmuster der linken Hand auch für die anderen Folgen verwenden. Unser Artikel über Akkordfolgen erklärt, wie die römischen Ziffern funktionieren. Mit den Umkehrungen der einzelnen Akkorde kannst du zwischen ihnen wechseln, ohne mit der Hand weit über die Tastatur zu springen.
Um die Folge in einem bestimmten Song herauszuhören, achte auf den Basston. Im Pop spielt der Bass auf der ersten Zählzeit meist den Grundton des jeweiligen Akkords. Die Basslinie gibt dir also oft die Akkordfolge Ton für Ton vor. Wenn du nicht weiterkommst, kann die Akkorderkennung die Akkorde aus der Aufnahme bestimmen.
Welches Begleitmuster passt für die linke Hand?
Nimm das einfachste Muster, das den Puls trägt. Die linke Hand übernimmt im Popsong den Bass und einen Teil des Schlagzeugs. Ein gehaltener Akkord als ganze Note klingt deshalb fast immer leer. Grundton, Quinte und Oktave nacheinander als Achtel zu spielen, ist ein verbreitetes Muster: Es lässt sich leicht greifen, bringt Bewegung in die Begleitung und passt bei den meisten Tempi.
Gängige Pop-Begleitmuster für die linke Hand, ihr Klang und passende Songtypen
| Muster | Was du spielst | So klingt es | Passt zu |
|---|---|---|---|
| Grundton als ganze Note | Den Grundton des Akkords halten | Viel Raum, wenige Töne | Intros, ruhigen ersten Strophen |
| Pulsierende Oktaven | Den Grundton in Oktaven als wiederholte Achtel | Treibend, eher rockig | Schnellen Refrains, hymnischen Songs |
| Grundton, Quinte, Oktave | 1, 5 und 8 des Akkords nacheinander | Fließend, gleichmäßig | Pop in mittlerem Tempo, den meisten Strophen |
| Aufsteigendes Arpeggio | 1, 5, 8 und 10 nacheinander aufwärts | Offen, wie eine Ballade | Klavierballaden, langsamen Steigerungen |
| Erst Grundton, dann Akkord | Basston auf Zählzeit 1, Akkord auf 2 und 4 | Federnd, beschwingt | Älteren Popsongs, Songs zum Mitsingen |
| Synkopierter Grundton | Grundton auf 1 und auf dem „Und“ nach 2 | Modern, nach vorn drängend | Dance-Pop, Songs mit R&B-Einfluss |
Bei all diesen Mustern helfen zwei Dinge. Spiel mit der linken Hand unterhalb des mittleren C, aber nicht in der tiefsten Oktave. Dort klingen Akkorde auf den meisten Klavieren verwaschen. Wechsel außerdem zwischen den Songabschnitten das Muster. Ganze Noten in der Strophe und pulsierende Oktaven im Refrain bringen in eine Solofassung die Steigerung, die auf der Aufnahme durch das Schlagzeug und zusätzliche Klangschichten entsteht.
Spielt die rechte Hand die Melodie oder die Begleitung?
Wenn du allein spielst und niemand singt, übernimmt die rechte Hand die Gesangsmelodie. Daran erkennt man einen Popsong. Spielt die rechte Hand nur Akkorde, klingt es wie eine Begleitung, bei der der Gesang noch fehlt. Wenn jemand singt, spielst du stattdessen Akkorde und Rhythmus mit der rechten Hand und überlässt die Melodie dem Gesang.
Daraus entstehen unterschiedliche Arrangements. Entscheide deshalb vor dem Lernen, welche Fassung du spielen möchtest. In einer Solofassung liegt die Melodie oben. Darunter ergänzt du Akkordtöne, meist einen oder zwei Töne unter der Melodie. Die rechte Hand spielt so Melodie und Harmonie zusammen. In einer Begleitfassung spielt sie vollständige Akkorde, oft mit einem Rhythmus aus der Gitarren- oder Keyboardstimme, und hält sich aus der Lage des Gesangs heraus.
Gesangsmelodien im Pop sind rhythmisch oft kniffliger, als sie klingen. Fast jede Phrase enthält Synkopen oder Auftakte. Hör sie dir langsamer an, bevor du annimmst, dass die Töne nicht stimmen. Die Methode aus unserem Artikel zum Lernen eines Songs in Abschnitten passt hier: eine Phrase nach der anderen, bei halber Geschwindigkeit, bis sie dir langweilig wird.
Vereinfachte Fassung oder aufgenommene Stimme?
Ein vereinfachtes Arrangement und die aufgenommene Stimme helfen bei unterschiedlichen Aufgaben. Die meisten brauchen im Lauf des Lernens beides. Mit einer vereinfachten Fassung kannst du schnell den ganzen Song spielen und lernst seinen Aufbau kennen. Die aufgenommene Stimme enthält dagegen die konkreten Voicings, Rhythmen und Fills, durch die deine Version wie die Aufnahme klingt. In einer Übersicht mit Akkordsymbolen stehen diese Details nicht.
Mit einer vereinfachten Fassung anfangen
Ist der Song neu für dich, kommst du mit einer vereinfachten Fassung schneller ins Spielen. Meist liegt die Melodie in der rechten Hand, während die linke einzelne Töne oder einfache Akkorde spielt. Die Synkopen, die Poprhythmen schwierig machen, bleiben dabei weg. Mit den einfachen Klaviernoten von Songscription bekommst du dieselbe Aufnahme in fünf Schwierigkeitsstufen. Du kannst mit der leichtesten beginnen und eine Stufe weitergehen, sobald sie gut sitzt.
Näher an die Aufnahme kommen
Wenn du den Aufbau des Songs in den Fingern hast, kannst du dich den Details aus der Aufnahme widmen, die seinen Klang prägen. Bei Songs mit Klavier im Mittelpunkt ist das die tatsächliche Klavierstimme. Bei anderen Produktionen sind es oft das Synthesizer-Motiv, die Gitarrenfigur im Intro oder die Voicings im Refrain. Aus einer Akkordübersicht bekommst du diese Details nicht, und sie nach Gehör herauszufinden, dauert.
Mit Anything Piano kannst du an dieser Stelle weiterarbeiten. Du verwendest eine Aufnahme als Audiodatei oder YouTube-Link. Daraus entsteht eine Klavierstimme. Du spielst mit und folgst dabei den fallenden Noten in der Piano Roll. Dabei hört Anything Piano über das Mikrofon zu. Das funktioniert auf einem akustischen Klavier genauso wie auf einem Keyboard. Anything Piano arbeitet mit der Aufnahme statt mit einem Katalog. Deshalb lässt sich ein Song von letzter Woche genauso verarbeiten wie ein Klassiker. Auch wenn in der Aufnahme gar kein Klavier vorkommt, entsteht daraus eine Klavierstimme. Der Song wird in Abschnitte aufgeteilt, die du einzeln lernst. Du kannst die Wiedergabe verlangsamen und jede Hand für sich üben. Wenn du den Fingersatz einschaltest, erscheinen Fingernummern in der Piano Roll. So siehst du, welcher Finger welche Note spielt.
Anything Piano zeigt dir eine Piano Roll, keine Noten. Wenn du aus derselben Aufnahme Noten zum Ausdrucken möchtest, macht die Klaviertranskription aus dem Audio Noten, MIDI und MusicXML.
In welcher Reihenfolge du einen Popsong üben kannst
Die Reihenfolge hilft mehr als die Wahl der Methode. Wenn du zuerst das Grundgerüst des Songs lernst und danach die Details ergänzt, kannst du in jeder Phase etwas Vollständiges spielen. So bleibt es nicht bei einer ausgearbeiteten ersten Strophe, nach der du noch nicht weiterkommst.
- Hör dir den Song einmal an und notiere seine Abschnitte: Intro, Strophe, Pre-Chorus, Refrain und Bridge. In den meisten Popsongs kommen dieselben zwei oder drei Akkordfolgen in allen Abschnitten wieder vor.
- Lern die Akkordfolge für jeden Abschnitt. Spiel die Akkordtöne gleichzeitig, nur mit der linken Hand und langsam. Schon damit kannst du zur Aufnahme mitspielen.
- Ergänze ein Begleitmuster für die linke Hand. Such eines aus der Tabelle aus und behalte es vorerst im ganzen Song bei.
- Nimm die Melodie in der rechten Hand dazu. Geh Abschnitt für Abschnitt vor und mach die Wiedergabe langsamer.
- Ergänze ein charakteristisches Detail, etwa das Motiv im Intro, ein Voicing aus dem Refrain oder ein Fill. Daran kann man den Song schon nach zwei Takten erkennen.
- Wechsel das Begleitmuster zwischen den Abschnitten. Eine sparsame Strophe und ein voller klingender Refrain machen deine Fassung überzeugender.
Liegt die Tonart für deine Hände oder deine Stimme ungünstig, transponiere den Song vor dem Lernen. In einer anderen Tonart ändern sich alle Griffe. Am ersten Tag ist der Wechsel deshalb viel weniger Arbeit als später.
Häufige Fragen
Wie lerne ich einen Popsong auf dem Klavier?
Such zuerst die Akkordfolge heraus. Die meisten Popsongs wiederholen über längere Abschnitte drei oder vier Akkorde. Spiel dann die Gesangsmelodie mit der rechten Hand und ein einfaches Begleitmuster mit der linken. Danach kannst du entscheiden, ob du die Instrumentalstimme aus der Aufnahme nachspielen möchtest. Anything Piano macht aus der Aufnahme eine Piano Roll, deren Wiedergabe du verlangsamen kannst. So hörst du am schnellsten, was auf der Aufnahme tatsächlich gespielt wird.
Warum klingt meine Klavierversion eines Popsongs so leer?
Auf der Aufnahme spielen Schlagzeug, Bass und mehrere Synthesizer zusammen, dazu kommen mehrere Gesangsspuren. Auf dem Klavier übernehmen deine beiden Hände all diese Aufgaben. Meist hilft mehr rhythmische Bewegung statt zusätzlicher Töne. Spiel mit der linken Hand zum Beispiel Grundton und Quinte im Wechsel als Achtel. Damit übernimmt das Klavier den Puls, den auf der Aufnahme das Schlagzeug trägt. Wenn du nur Akkorde als ganze Noten hältst, klingt die Begleitung dünn.
Welche Vier-Akkord-Folge kommt in der Popmusik häufig vor?
Gemeint ist I-V-vi-IV, in C-Dur also C, G, a-Moll und F. Darauf oder auf ähnlichen Varianten beruhen etwa „Let It Be“ von den Beatles, „With or Without You“ von U2 und „Someone Like You“ von Adele. Dieselben Akkorde in der Reihenfolge vi-IV-I-V kommen in einer weiteren großen Gruppe von Songs vor. Wenn du die Folge einmal so übst, dass sie in den Fingern sitzt, kannst du damit Dutzende Refrains spielen.
Soll ich eine vereinfachte Fassung oder die ursprüngliche Klavierstimme lernen?
Wenn der Song neu für dich ist, fang mit einer vereinfachten Fassung an und nähere dich danach der aufgenommenen Stimme. Mit einem vereinfachten Arrangement kannst du innerhalb weniger Tage den ganzen Song spielen und lernst seinen Aufbau kennen. Die aufgenommene Stimme enthält die konkreten Voicings und Rhythmen, durch die deine Version wie die Aufnahme klingt. Mit den einfachen Klaviernoten von Songscription bekommst du denselben Song in fünf Schwierigkeitsstufen und kannst dich schrittweise von der vereinfachten Fassung zur aufgenommenen Stimme vorarbeiten.
Vom Aufbau zu den Details
Popsongs wirken auf dem Klavier oft leichter, als sie sind, weil die Schwierigkeit an einer anderen Stelle liegt, als wir es aus dem Unterricht kennen. Dort lernst du, eine schon ausgeschriebene Klavierstimme zu lesen und zu spielen. Bei einem Popsong entwickelst du diese Stimme selbst oder wählst eine Fassung, die auf einer Aufnahme aus einem Dutzend verschiedener Quellen beruht. Die Akkorde sind dabei meist schnell gelernt. Mehr Arbeit steckt im Rhythmus und im Arrangement.
Die Vier-Akkord-Folge begegnet dir immer wieder. Jedes Begleitmuster, das du daran lernst, kannst du auch im nächsten Song verwenden. Für die wenigen Details, durch die sich die Songs voneinander unterscheiden, bleibt die Aufnahme deine Vorlage. Wenn du genau hören möchtest, was darin gespielt wird, kann Anything Piano daraus eine Piano Roll machen, deren Wiedergabe du verlangsamen kannst. So musst du die Töne nicht erraten und kannst die Stelle gezielt üben.