Fast jede Klavier-App ist für Einsteiger:innen gebaut, und dafür gibt es gute Gründe. Dort sind die meisten Nutzer:innen, und dort lässt sich Unterricht am besten in eine App packen. Nur helfen dir solche Apps deshalb auf mittlerem Niveau nach und nach weniger. Meistens sagt dir dabei niemand, was sich eigentlich geändert hat.
Am Anfang fehlt dir Anleitung, und ein guter Kurs löst das. Wenn du fortgeschritten spielst, fehlt dir Repertoire: Du kannst schon mehr, als irgendein Katalog auf deinem Niveau hat, also ist die Bibliothek gleichzeitig zu leicht und zu klein. Das ist ein anderes Problem, und ein anderer Kurs ändert daran nichts.
Wir bei Play Anything machen Songscription und Anything Piano. Nimm unsere Begeisterung also nicht ganz für bare Münze. Den Abschnitt darüber, wo unsere eigene App am schwächsten ist, haben wir nicht gekürzt, und auf diesem Niveau fallen ihre Schwächen stärker ins Gewicht als bei Einsteiger:innen.
Kurz gesagt
- Für die meisten Fortgeschrittenen, denen Piano-Roll-Tutorials lieber sind als Noten: Anything Piano. Auf diesem Niveau weißt du, was du spielen willst, und Anything Piano ist die einzige App, die dafür keinen Katalogeintrag braucht. Sie schreibt die Klavierstimme aus einer Aufnahme. Eine Live-Version, ein Stück aus einem Videospiel oder einen Song von letzter Woche kannst du damit genauso spielen wie einen Klassiker.
- Wenn du deine Fortschritte messen lassen willst: Piano Marvel. Bewertung Takt für Takt und eine Aufzeichnung deiner Fortschritte, deshalb setzen viele Lehrkräfte sie im Unterricht ein. Du brauchst ein MIDI-Keyboard.
- Wenn dir eine Bibliothek reicht: flowkey. Die Arrangements mit den besten Fingersätzen der Kategorie, mehrere Schwierigkeitsstufen pro Song und Videos, die die Hände von oben zeigen.
- Wenn du das Stück als Noten lesen willst: Songscription. Macht aus einer Aufnahme Noten, MIDI und MusicXML. Die Noten kannst du ausdrucken, bearbeiten und mit Fingersätzen versehen. Keine Übe-App.
- Wenn dich eine bestimmte Stelle immer wieder ausbremst: Unterricht. Auf mittlerem Niveau liegt es meistens an der Technik, und die kann keine App sehen.
Warum Apps auf mittlerem Niveau nicht mehr weiterhelfen
Der Katalog ist dort am größten, wo du nicht mehr bist
Eine Bibliothek wächst dort, wo die Nachfrage ist. Arrangements für Einsteiger:innen gibt es deshalb reichlich, für Fortgeschrittene nur wenige. flowkey wirbt mit mehr als 1.500 Songs. Das ist wirklich viel, bis du nach mittlerer Schwierigkeit filterst und nach Musik, die dir tatsächlich gefällt. Dann bleiben nur noch wenige übrig. So geht es allen, und die meisten denken dann, die App sei eben langweilig geworden.
Du hast jetzt eigene Vorstellungen
Einsteiger:innen nehmen, was die App ihnen vorsetzt, weil ihnen noch der Maßstab fehlt, ein Stück einem anderen vorzuziehen. Fortgeschrittene haben eine Liste, und die ist meistens sehr konkret: genau dieses Arrangement, genau diese Live-Version, genau dieses Stück aus einem Game. Mit so konkreten Wünschen tun sich Katalog-Apps grundsätzlich schwer, weil jede Anfrage bei jemandem landet, der das Stück arrangieren muss.
Das Feedback ist nicht mehr die größte Hilfe
Eine App, die dir sagt, welche Töne du nicht getroffen hast, ist Gold wert, solange du viele nicht triffst. Ungefähr ab dem mittleren Niveau triffst du die Töne, und die Probleme werden feiner: ein ungleichmäßiger Lauf, ein Fingersatz, der im Tempo nicht mehr funktioniert, ein Pedal, das einen Akkordwechsel verschmiert. Zu all dem kann eine Tonerkennung nichts sagen. Da stößt die ganze Kategorie an ihre Grenze, und darum geht es in unserem Artikel darüber, was KI am Klavier beibringen kann und was nicht.
Die Apps im Vergleich
Klavier-Apps für Fortgeschrittene im Vergleich nach Repertoire auf mittlerem Niveau, Herkunft der Songs, Genauigkeit des Feedbacks und danach, für wen sich welche App eignet
| App | Woher die Songs kommen | Repertoire für Fortgeschrittene | Feedback | Am besten für |
|---|---|---|---|---|
| Anything Piano | Jede Aufnahme, jeder Link | Unbegrenzt | Getroffene und verpasste Töne | Die eigene Wunschliste spielen |
| flowkey | Fester Katalog, über 1.500 | Mittel | Töne plus Handvideo | Fingersatz und Arrangements in mehreren Schwierigkeitsstufen |
| Piano Marvel | Gestufte Unterrichtsbibliothek | Gut, eher klassisch | Bewertungen und Fortschrittsverlauf | Messbare Fortschritte, Begleitung durch eine Lehrkraft |
| Synthesia | MIDI-Dateien, die du mitbringst | Was du eben findest | Töne, nur über MIDI | Eine MIDI-Sammlung, die du schon hast |
| Simply Piano, Skoove | Fester Katalog | Dünn | Getroffene und verpasste Töne | Einsteiger:innen, nicht Thema hier |
| Songscription | Jede Aufnahme | Unbegrenzt | Keine Übe-App | Ausgedruckte Noten, in die du schreiben kannst |
Die Apps im Einzelnen
Anything Piano
Stärken: Die App setzt genau da an, wo es auf mittlerem Niveau hakt. Du gibst ihr eine Audiodatei, einen Link von YouTube, TikTok oder Instagram oder eine Aufnahme von jemandem, der gerade im Raum spielt. Ein Transkriptionsmodell schreibt aus diesem Audio die Klavierstimme und zeigt sie als fallende Noten, zu denen du mitspielst. Es gibt keine Bibliothek, deren Niveau nicht zu deinem passen könnte. Deine Übeliste kann also die Liste sein, die du sowieso im Kopf hast, und nicht die Schnittmenge aus deinem Geschmack und den Arrangements, die gerade jemand erstellt. Die App hört dir über das Mikrofon zu oder empfängt dein Spiel über Bluetooth- und USB-MIDI. Ein akustischer Flügel funktioniert also genauso wie ein angeschlossenes Keyboard. Sie fragt, wie viele Tasten dein Instrument hat, damit die Onscreen-Klaviatur dazu passt. Sie teilt Songs in Abschnitte auf, die du einzeln lernst und wiederholst, und zeigt dabei deinen Fortschritt. Du kannst eine Passage langsamer machen und gezielt üben, und genau daraus besteht auf diesem Niveau der größte Teil der Übezeit. Wenn du die Fingersatzanzeige einschaltest, stehen auf der Piano Roll Fingernummern. So siehst du, welcher Finger welche Note spielt.
Schwächen: Anything Piano zeigt eine Piano Roll und erstellt keine Noten.
flowkey
Stärken: Die Arrangements sind die besten der Kategorie, und im Video von oben siehst du, wie sich die Hände am Klavier bewegen und welcher Fingersatz dabei verwendet wird. Das ist gerade auf dem Niveau viel wert, auf dem der Fingersatz darüber entscheidet, ob eine Passage überhaupt machbar ist. Weil es mehrere Schwierigkeitsstufen pro Song gibt, findest du oft auch eine Version für Fortgeschrittene.
Schwächen: Filterst du nach mittlerem Niveau und nach Musik, die du magst, wird die Bibliothek schnell klein. flowkey ist außerdem eine Bibliothek und kein Kurs, einen Plan gibt es also nicht. Unser Ratgeber zu flowkey-Alternativen beschäftigt sich mit dem Punkt, an dem viele abspringen.
Piano Marvel
Stärken: Als einzige App hier hat Piano Marvel ein Feedback, das genau genug für Fortgeschrittene ist. Sie bewertet eine Passage gründlich, verfolgt dein Vom-Blatt-Spiel und speichert deine Fortschritte. Aus dem vagen Gefühl, besser zu werden, wird so etwas, das du dir ansehen kannst. Hast du Unterricht, ist das die App, mit der deine Lehrkraft dich am liebsten üben lässt.
Schwächen: Sie funktioniert nur mit MIDI, mit einem akustischen Klavier geht also gar nichts. Die Oberfläche ist für den Schreibtisch gemacht, nicht fürs Handy, und das Repertoire ist gestuftes Unterrichtsmaterial. Den Song, der dir gerade nicht aus dem Kopf geht, findest du dort nicht.
Synthesia
Stärken: einmal kaufen und jede MIDI-Datei abspielen. Wer schon einen Ordner voller Dateien hat, kommt damit schnell voran. Schwächen: Für jedes Stück musst du dir selbst eine gute MIDI-Datei besorgen. Gerade bei Repertoire für Fortgeschrittene kannst du dich auf die Qualität von Community-MIDIs nicht verlassen: Rhythmen sind quantisiert, und Mittelstimmen fehlen. Und Synthesia funktioniert nur mit MIDI-Keyboards. Beide Einschränkungen behandelt unser Artikel zu Synthesia-Alternativen.
Songscription, wenn du Noten lesen willst
Stärken: Ab dem mittleren Niveau zahlt sich Notenlesen immer mehr aus. Songscription macht aus einer Aufnahme, die du magst, Noten zum Ausdrucken, dazu MIDI und MusicXML zum Bearbeiten in MuseScore oder Sibelius. Es lohnt sich auf diesem Niveau, die eigenen Fingersätze in die Noten zu schreiben und die Noten aufzuheben. Schwächen: Songscription hört dir nicht zu und bewertet nichts. Es ergänzt also eine Übe-App, statt sie zu ersetzen.
Was in eine Übewoche für Fortgeschrittene gehört
Wenn das Üben nur mit einer App auf diesem Niveau stockt, liegt das meistens an der Struktur und nicht an der Motivation. Einsteiger:innen kommen allein mit Repertoire voran. Fortgeschrittene nicht, und was ihnen fehlt, schlägt keine App von sich aus vor.
- Ein Stück über deinem Niveau, in Abschnitten. So lernst du nach und nach auch schwierigere Stücke. Übe langsam, jeweils acht Takte. Mehr dazu unter einen Song Abschnitt für Abschnitt lernen.
- Ein Stück auf deinem Niveau, bis es sitzt. Fortgeschrittene sammeln halb gelernte Stücke. Ein Stück vollständig zu lernen, ist eine Fähigkeit für sich.
- Zehn Minuten vom Blatt, mit Noten, die du noch nie gesehen hast. Hier sind ausgedruckte Noten der Piano Roll klar überlegen, und genau das lassen die meisten weg, die sich das Spielen selbst beibringen.
- Technik mit Ziel. Keine Tonleitern um ihrer selbst willen, sondern genau die Figur, an der du im schweren Stück scheiterst: dieses Arpeggio, dieses Überkreuzen der Hände, dieses Voicing.
- Ab und zu etwas nach Gehör. Wenn du eine Melodie ohne Noten heraushörst, trainierst du genau das, was alles andere schneller macht. Wie das geht, steht in unserem Ratgeber zum Heraushören von Musik.
- Einmal pro Woche eine Aufnahme von dir selbst. Das ist die günstigste Möglichkeit, dein Spiel von außen zu hören. Die Aufnahme zeigt dir, was hinter einer Bewertung von 96 % verborgen bleibt.
So findest du die passende App
- Hast du eine Liste mit Stücken, die du spielen willst? Dann fehlt dir Repertoire, und dazu passt Anything Piano, eine App ohne Katalog.
- Musst du sehen, dass du besser wirst? Piano Marvel, und plan ein MIDI-Kabel ein.
- Scheitert es immer wieder am Fingersatz? flowkey wegen des Handvideos oder, noch besser, ab und zu eine Unterrichtsstunde.
- Willst du irgendwann veröffentlichte Noten lesen können? Dann hol dir Noten statt der Piano Roll. Mit der Klaviertranskription bekommst du sie aus einer Aufnahme.
- Kommst du an einer Passage seit einem Monat nicht vorbei? Dann ist es ein Technikproblem, und kein Abo löst das. Buch eine Stunde.
Häufige Fragen
Welche Klavier-App ist die beste für Fortgeschrittene?
Für die meisten Fortgeschrittenen ist Anything Piano die beste Wahl, weil auf diesem Niveau passende Stücke knapp werden und nicht der Unterricht. Die App erstellt die Klavierstimme aus jeder beliebigen Aufnahme, du bist also nicht mehr darauf angewiesen, welche Arrangements ein Katalog auf deinem Niveau enthält. Piano Marvel passt besser, wenn du deine Fortschritte messen lassen willst. flowkey ist die bessere Wahl, wenn du sorgfältig mit Fingersätzen versehene Arrangements bekannter Stücke suchst und dir die Bibliothek reicht.
Warum helfen Klavier-Apps auf mittlerem Niveau kaum noch weiter?
Weil ein Katalog dort die meisten Stücke enthält, wo die meisten Nutzer:innen sind, und das ist bei den Einsteiger:innen. Wer fortgeschritten spielt, kann schon mehr, als die Bibliothek auf diesem Niveau hergibt. Was übrig bleibt, ist entweder zu leicht, um noch Spaß zu machen, oder gar nicht vorhanden. Der Unterricht ist nicht schlechter geworden, das Repertoire ist ausgegangen. Wechselst du zu einer anderen Katalog-App, stößt du dort nur etwas später an dieselbe Grenze.
Sollten Fortgeschrittene mit Piano Roll oder mit Noten üben?
Beides, jeweils für etwas anderes. Mit einer Piano Roll siehst du schneller, wie eine unbekannte Passage aufgebaut ist, und kannst sie langsam einüben. Deshalb eignet sie sich, um einen neuen Song schnell zu lernen. Noten brauchst du, um veröffentlichte Stücke zu lesen. Noten lesen kannst du auch dann noch, wenn du irgendwann eine andere App benutzt. Verbreitet ist diese Aufteilung: die Piano Roll für neues Material und ausgedruckte Noten für die Stücke, die du behalten willst. Einen ausführlicheren Vergleich findest du unter Piano Roll vs. Noten.
Brauche ich als Fortgeschrittene:r noch Unterricht?
Gerade auf diesem Niveau lohnt sich Unterricht besonders. Ungefähr ab der Mittelstufe bremsen dich nicht mehr falsche Töne, sondern die Technik. Fingersatz, Verspannung im Handgelenk, Pedaleinsatz und Phrasierung bekommt kein Mikrofon mit, und all das entscheidet, ob du ein schweres Stück spielen kannst. Die meisten Fortgeschrittenen, die sich das Spielen selbst beigebracht haben, landen irgendwann bei derselben Aufteilung: täglich die App und alle vier bis sechs Wochen eine Unterrichtsstunde.
Fazit
Manchmal hältst du es für schwindendes Interesse, wenn du beim Üben nicht mehr weiterkommst. Du öffnest die App, scrollst durch die Bibliothek, findest auf deinem Niveau nichts, was du wirklich spielen willst, nimmst trotzdem irgendwas und übst es ohne große Überzeugung. Nach ein paar Wochen liegt der Schluss nahe, dass dir das Klavier verleidet ist. Wahrscheinlicher ist aber, dass du einer Produktkategorie entwachsen bist, die für Leute gebaut ist, die zwei Jahre weniger Spielerfahrung haben als du. Die App hat dich nicht darauf hingewiesen.
Den Test kannst du gleich diese Woche machen. Schreib fünf Stücke auf, die du wirklich gern spielen würdest, und such sie in der App, die du gerade abonniert hast. Fehlen die meisten, hast du kein Motivationsproblem, sondern ein Katalogproblem. Dann hilft eine App, die die Stimme aus einer Aufnahme erzeugt, statt sie irgendwo nachzuschlagen, und genau dafür ist Anything Piano gemacht. Das Geld, das du gerade für ein zweites Abo ausgeben wolltest, steckst du besser in eine Stunde bei einer Lehrkraft. Auf diesem Niveau sind die Töne nicht das eigentlich Schwierige.