RessourcenPiano RollSongscription•10 Min. Lesezeit

Kann KI dir Klavier beibringen? Eine ehrliche Antwort

Instrumentalunterricht besteht aus drei Aufgaben. Zwei davon hat maschinelles Lernen weitgehend gelöst, bei der dritten ist es praktisch nicht vorangekommen. Wenn du weißt, welche das sind, weißt du auch, was sich zu kaufen lohnt.

Kann KI dir Klavier beibringen? Übersicht darüber, welche Teile einer Klavierstunde Software übernimmt und für welche es weiterhin eine Lehrkraft braucht, die auf deine Hände schaut

KI kann dir Klavier beibringen, und zwar so, wie es ein sehr gut gemachtes Lehrbuch und ein sehr geduldiges Metronom können. Das bringt dich weiter, als es klingt, aber nicht bis ans Ziel. Wer ein Instrument unterrichtet, erledigt drei Aufgaben: Material liefern, prüfen, was gespielt wurde, und korrigieren, wie es gespielt wurde. Die ersten beiden hat maschinelles Lernen weitgehend gelöst. Bei der dritten ist es praktisch nicht vorangekommen, und nichts deutet darauf hin, dass sich das bald ändert.

Wenn du die drei Aufgaben auseinanderhalten kannst, hilft dir das mehr als ein pauschales Urteil. Dann weißt du, was du kaufen solltest, was du davon erwarten kannst und wofür du weiterhin einen Menschen brauchst. Eine Klavier-App übernimmt bestimmte Aufgaben gut, an anderen scheitert sie. Du kannst sie für das nutzen, was sie gut kann, und verlangst den Rest gar nicht erst von ihr.

Transparenzhinweis: Wir entwickeln Musik-KI. Wir machen Songscription, und unser Team macht auch Anything Piano. Firmen, die KI verkaufen, sagen von sich aus nicht immer zuverlässig, was KI nicht kann. Deshalb ist der Abschnitt über die Grenzen weiter unten absichtlich der längste in diesem Artikel.

Die drei Aufgaben beim Unterrichten

Eine Klavierstunde wirkt wie eine einzige Aufgabe, besteht aber aus drei verschiedenen. Wie viel Zeit und Geld sie kosten, war schon immer unterschiedlich. Einen Teil der Stunde verbringt deine Lehrkraft damit, Material zu liefern: ein Stück auf dem passenden Niveau, eine Übung für das, was dir immer wieder danebengeht. Einen Teil damit, auf falsche Töne und Rhythmen zu hören. Und einen Teil damit, deine Hände und deinen Körper zu beobachten. Dafür muss sie mit dir im Raum sein.

Wie gut sich diese drei Aufgaben automatisieren lassen, ist sehr verschieden. Wer sie in einen Topf wirft, landet entweder bei übertriebenen Versprechen oder lehnt KI pauschal ab. Beides begegnet einem in dieser Diskussion ständig.

Erstens das Material

Hier hat sich am meisten verändert, und genau das haben die meisten noch nicht mitbekommen. Bis vor Kurzem konntest du einen Song nur lernen, wenn ihn schon jemand aufgeschrieben hatte: ein Verlag, jemand, der für eine Lern-App arrangiert, oder eine fremde Person, die in einem Forum eine MIDI-Datei hochgeladen hat. Hatte das niemand getan, hast du ihn entweder nach Gehör transkribiert oder dir einen anderen Song gesucht.

Ein Transkriptionsmodell macht dich davon unabhängig. Du gibst ihm eine Aufnahme, und es schätzt die Töne: Tonhöhe, Einsatz, Dauer und Anschlagstärke. Das reicht, um eine spielbare Klavierstimme zu rekonstruieren. Songscription erzeugt damit Noten aus einer Aufnahme, dazu MIDI und MusicXML. Anything Piano nutzt dieselbe Art von Modell für ein anderes Ergebnis. Die App nimmt eine Audiodatei oder einen Link von YouTube, TikTok oder Instagram und macht daraus eine interaktive Piano Roll. Zu der spielst du mit, während die App über dein Mikrofon oder per MIDI zuhört. Auf den Noten der Piano Roll kann sie auch Vorschläge für den Fingersatz als Zahlen anzeigen. Anything Piano erstellt ausschließlich Piano-Roll-Tutorials und keine Noten. Noten zum Ausdrucken bekommst du von Songscription, das auf derselben Art von Modell beruht; in Anything Piano gibt es dafür keine Einstellung.

Das Repertoire hängt dadurch nicht mehr davon ab, was andere schon vorbereitet haben. Jede katalogbasierte App, etwa Simply Piano, flowkey, Skoove oder Yousician, bringt dir nur die Songs bei, die ihre Arrangeur:innen fertiggestellt haben. Deshalb fehlt so oft genau der Song, den du spielen willst. Eine App, die die Stimme aus der Aufnahme erzeugt, hat keine solche Liste. Das ist die bisher größte Veränderung durch KI für Leute, die Klavier lernen, und mit Unterrichten im pädagogischen Sinn hat sie nichts zu tun. Verändert hat sich, was dir zum Üben zur Verfügung steht.

Grenzen gibt es trotzdem, und die solltest du kennen. Am genauesten ist die Transkription bei Soloklavier. Bei dichten Mixes, viel Hall und sehr tiefen Bässen wird sie ungenauer. Außerdem weiß sie nicht, was jemand weiß, der von Hand arrangiert: dass die Griffe an dieser Stelle für Anfänger:innen zu weit auseinanderliegen und dass diese Mittelstimme wegfallen kann, ohne dass vom Song etwas verloren geht. Woher die Fehler kommen, haben wir in Warum die Genauigkeit von KI-Transkription schwankt beschrieben.

Zweitens prüfen, was du gespielt hast

Das kann maschinelle Tonerkennung gut, und zwar schon seit ein paar Jahren. Stell ein Handy vors Klavier, und eine App sagt dir, welche Töne du getroffen hast, welche nicht und ob du zu früh oder zu spät warst. Anything Piano, Simply Piano, flowkey, Skoove und Yousician machen das alle über das Mikrofon, ein akustisches Klavier funktioniert also ohne Kabel. Synthesia und Piano Marvel lesen stattdessen MIDI. Das ist exakt, setzt aber ein Digitalinstrument voraus.

Beim Mitspielen ist diese Aufgabe einfacher, als sie aussieht, weil die App schon weiß, was du spielen solltest. Sie prüft, ob du die erwarteten Töne spielst, statt sie ohne Vorlage aus der Aufnahme zu ermitteln. Deshalb funktioniert die Erkennung über ein Handymikrofon zuverlässiger, als viele erwarten. Schwächer wird sie an vorhersehbaren Stellen: bei vollen Akkorden, viel Haltepedal, Hintergrundgeräuschen und einem Klavier, das sich verstimmt hat. Mehr dazu steht in unserem Artikel über Klavier-Apps, die dir beim Spielen zuhören.

Ein Urteil über die Musik gehört nicht zu dieser Aufgabe. Wenn eine App 94 % anzeigt, meldet sie die Trefferquote bei den Tönen, gemessen an der Vorlage. Ob die Phrase gut klang, sagt sie dir nicht. Zwei Durchgänge können genau gleich bewertet werden, und nur einem davon hört man wirklich gern zu. Keine App, die du als Privatperson kaufen kannst, unterscheidet die beiden derzeit.

Drittens korrigieren, wie du spielst

Hier kann die Software fast nichts. Jede App in dieser Kategorie bewertet den Klang, der aus dem Instrument kommt. Das meiste, was eine Lehrkraft korrigiert, hört man aber gar nicht oder erst dann, wenn sich eine Gewohnheit über Monate festgesetzt hat.

  • Beim Fingersatz passieren die häufigsten Fehler bei allen, die sich das Spielen selbst beibringen. Spielst du eine Stelle mit den falschen Fingern, klingt sie heute richtig, und nächsten Monat läufst du im Tempo gegen eine Wand. Eine App kann Vorschläge für den Fingersatz als Zahlen anzeigen, wie Anything Piano auf seiner Piano Roll. Sie hört aber die richtigen Töne und lobt dich, egal welche Finger du benutzt hast.
  • Verspannungen in Handgelenk und Arm kann ein Mikrofon nicht erkennen. Sie sind die Ursache der meisten Verletzungen, die beim Spielen entstehen.
  • Auch die Handhaltung hört man nicht unbedingt. Ein einknickendes Fingergelenk erzeugt völlig brauchbare Töne und schränkt dich bei allem ein, was du danach spielst.
  • Den Einsatz des Pedals hört man in der Aufnahme daran, dass Töne ineinanderfließen. Ob da nachlässig gepedalt wurde oder der Klang absichtlich ineinanderfließt, muss jemand beurteilen. Keine App kann das.
  • Zur Phrasierung gehört, wohin die Linie geht, was du hervorhebst und wo du atmest. Keine App in dieser Kategorie versucht überhaupt, das zu beurteilen.

Was KI noch nicht kann

Neben den körperlichen Punkten oben gibt es drei weitere Aufgaben, die KI nicht übernehmen kann. Das Marketing in dieser Kategorie deutet gern das Gegenteil an.

Sie kann nicht entscheiden, woran du arbeiten solltest. Eine App kann dich durch einen Kurs führen, den Menschen geschrieben haben, und ein Chatbot schreibt dir bereitwillig einen Übeplan. Keins von beiden schaut dir aber genau genug zu, um zu merken, dass deine linke Hand das Problem ist und die rechte gut läuft. Vor allem dafür brauchst du eine gute Lehrkraft. Sie bemerkt etwas, das du selbst gar nicht erwähnt hast, und erkennt daran, woran du arbeiten solltest. Welche Fähigkeiten du mit einer App üben kannst und wofür du weiterhin eine Lehrkraft brauchst, beschreiben wir in Kannst du mit einer App Klavier lernen?.

Sie kann dich nicht zum Üben bringen. Streaks und Punkte wirken bei Anfänger:innen und hören bei den meisten irgendwann auf zu wirken. Was bleibt, ist der Wunsch, ein bestimmtes Stück zu spielen. Deshalb lohnt es sich, sehr genau darauf zu achten, ob du dieses Stück mit deiner App wirklich lernen kannst. Ihre Feedback-Technik ist dabei deutlich weniger wichtig.

Und sie kann dir nicht sagen, wann man eine Regel brechen sollte. In der Notenschrift und im Unterricht gibt es viele Konventionen, gegen die gute Musiker:innen bewusst verstoßen. Zu wissen, welche davon musikalisch sinnvoll sind, ist eine Frage des Geschmacks. Informationen allein reichen dafür nicht. Mehr darüber steht in unserem Artikel Was KI Musiker:innen überlässt.

So kannst du es angehen

  • Nutz KI für das Material. Bring den Song mit, den du spielen willst, statt den zu nehmen, den ein Katalog gerade hat. Anything Piano baut die Klavierstimme aus jeder Aufnahme, und mit Klavier-Transkription bekommst du denselben Song als Noten zum Ausdrucken, falls du lieber vom Blatt spielst.
  • Sieh die Tonerkennung als Kontrolle, nicht als Zeugnis. Sie merkt zuverlässig, wenn sich Fehler einschleichen, kann dir aber schlecht sagen, ob dein Spiel musikalisch überzeugend war.
  • Üb langsam und in Abschnitten. Der älteste Rat überhaupt und immer noch der, der am meisten bringt. Anything Piano teilt einen Song für dich in Abschnitte und zeigt dir, wie du darin vorankommst. Wie du dabei vorgehst, zeigt unser Leitfaden Einen Song Abschnitt für Abschnitt lernen.
  • Nimm gelegentlich Unterricht bei einer Lehrkraft. Eine Stunde alle vier bis sechs Wochen reicht, wenn du sie gezielt für das nutzt, was die Software nicht sieht. Bring eine Stelle mit und frag nach Fingersatz und Verspannung statt nach Tönen.
  • Nimm dich ab und zu auf und hör dir die Aufnahme an. Einen günstigeren Ersatz dafür, dass jemand anderes dir zuhört, gibt es nicht. Beim Anhören fällt dir das meiste auf, was eine Wertung von 94 % nicht zeigt.

Häufige Fragen

Kann KI dir Klavier beibringen?

Zwei Aufgaben kann KI gut übernehmen, eine gar nicht. Sie kann das Material liefern, also aus jeder Aufnahme eine spielbare Piano Roll machen, und genau das tut Anything Piano. Außerdem kann sie beim Spielen Tonhöhe und Timing prüfen. Deine Hände sieht sie aber nicht, deshalb kann sie Fingersatz, Verspannung im Handgelenk, Haltung und den Einsatz des Pedals nicht korrigieren. Wer sich das Klavierspielen selbst beibringt, kommt mit einer App und gelegentlichem Unterricht meist weiter als mit nur einem von beiden.

Kann KI eine Klavierlehrkraft ersetzen?

Nicht bei der körperlichen Seite des Spielens. Eine Lehrkraft schaut auf deine Hände, hört auf die Phrasierung statt nur auf richtige Töne und entscheidet anhand von Dingen, die kein Mikrofon erfasst, woran du als Nächstes arbeitest. Ersetzen kann KI die Teile des Unterrichts, die schon immer mechanisch waren: die Noten zu einem Song liefern, prüfen, ob du die richtigen Töne gespielt hast, und eine Stelle langsamer machen. Das ist ein großer Teil einer Stunde, und deshalb bringt dir eine Stunde im Monat heute mehr als früher.

Welche KI-App ist die beste zum Klavierlernen?

Anything Piano, wenn du danach gehst, wofür die KI tatsächlich eingesetzt wird. Die App lässt ein Transkriptionsmodell über jede beliebige Aufnahme laufen und macht daraus eine Piano Roll, zu der du mitspielen kannst. Du bist also nicht auf Songs beschränkt, die ein Team arrangiert hat. Simply Piano, flowkey, Skoove und Yousician hören dir mit maschineller Tonerkennung zu, arbeiten aber weiterhin mit festen Katalogen. Ihre KI verbessert das Feedback, nicht das Repertoire. In unserem Vergleich von Klavier-Lern-Apps findest du alle im Überblick.

Kann KI aus einem Song Klaviernoten machen?

Ja. Ein Transkriptionsmodell kann aus einer Aufnahme Noten, MIDI und MusicXML erzeugen, und genau das macht Songscription. Bei Soloklavier ist die Genauigkeit hoch, bei dichten Mixes, viel Hall und sehr tiefen Bässen lässt sie nach. Rechne also mit ein wenig Nacharbeit statt mit fertigen Noten. Anything Piano nutzt dieselbe Art von Modell, baut daraus aber eine interaktive Piano Roll statt Noten zum Ausdrucken. Mehr dazu findest du unter Kann KI aus einem Song Noten machen?.

Zum Schluss

Die Frage „Lehrkraft oder Software?“ führt in die Irre, weil sie eine Unterrichtsstunde als unteilbares Ganzes behandelt. Die mechanischen Teile beim Lernen eines Instruments kosten heute weniger. Um die Noten zu einem Song zu finden, brauchtest du früher einen Verlag, ein Forum oder ein gutes Gehör. Heute brauchst du eine Aufnahme. Um zu prüfen, ob du sie richtig gespielt hast, musste früher jemand im Raum sein. Heute reicht ein Handy auf dem Notenpult.

Der Teil, den die Software nicht übernimmt, war schon immer der teure. Dafür ist dein Geld besser aufgehoben als in noch mehr Software. Bei der App lohnt sich vor allem das Repertoire. Dort hat KI eine echte Grenze beseitigt, und deshalb kann eine App wie Anything Piano dir einen Song beibringen, den kein Katalog hat. Etwa eine Stunde im Monat bei einer Lehrkraft ergänzt die App dort, wo ein Mikrofon nicht weiterhilft. Diese Kombination bringt dir mehr als eine App oder Unterricht allein.

Zur Person

Songscription

Geschrieben von

Songscription

Von Musiker:innen für Musiker:innen gemacht

Songscription macht aus jeder Aufnahme Noten, MIDI und Tabs. Dieser Beitrag kommt von den Musiker:innen und Entwickler:innen, die an den Tools arbeiten, die wir selbst gern gehabt hätten. Die Noten nehmen wir ernst, unsere Wortspiele noch ernster. Sollte eins davon schief klingen, entschuldigen wir uns schon mal im Voraus.

Mehr über das Team

Hier findest du weitere Artikel zu denselben Themen.