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Gibt es eine Klavier-App, die dir beim Spielen zuhört?

Ja, und inzwischen können das die meisten. Interessanter ist, worauf sie dabei hören, wo die Erkennung übers Mikrofon an Grenzen stößt und was überhaupt keine App hören kann.

Eine Klavier-App hört über das Mikrofon eines Handys auf dem Notenpult eines akustischen Klaviers zu und zeigt, welche Töne getroffen und welche verfehlt wurden

Ja. Dass eine Klavier-App dir beim Spielen zuhört, ist inzwischen der Normalfall und keine Ausnahme mehr. Anything Piano, Simply Piano, flowkey, Skoove und Yousician werten über das Mikrofon deines Handys oder Tablets aus, was aus deinem Instrument kommt, und sagen dir, welche Töne du getroffen und welche du verfehlt hast. Du brauchst weder Kabel noch Adapter. Auch mit einem akustischen Klavier funktioniert das.

Wie gut das funktioniert, hängt vom Raum und vom Stück ab. Die Erkennung übers Mikrofon ist technisch schwierig. Eine schlechte Bewertung kann deshalb auch an der Erkennung liegen.

In eigener Sache: Wir machen Songscription, und unser Team macht auch Anything Piano. Neutral sind wir hier also nicht. Die technische Beschreibung weiter unten ist dieselbe, die wir auch skeptischen Entwickler:innen geben würden, und den Abschnitt über die Grenzen haben wir nicht zu unseren Gunsten gekürzt.

So funktioniert das Zuhören

In dieser Kategorie gibt es zwei Verfahren, und die meisten Missverständnisse rund um die Genauigkeit entstehen, weil man nicht weiß, welches davon eine App benutzt.

Erkennung über das Mikrofon

Die App nimmt ununterbrochen Audio auf und schätzt, welche Tonhöhen gerade klingen. Das ist dieselbe Art von Problem wie die polyphone Klaviertranskription, nur eben live und mit einem bekannten Ziel. Die App weiß ja schon, was du spielen solltest. Sie prüft also eine Vermutung, statt alles von Grund auf zu transkribieren. Das ist deutlich leichter als eine vollständige Transkription und viel zuverlässiger, als die meisten erwarten.

Der Vorteil ist, dass es mit jedem Instrument funktioniert, das einen Ton von sich gibt. Das kann ein hundert Jahre altes Klavier sein, ein Flügel oder ein geliehenes Keyboard mit 61 Tasten und ohne MIDI-Anschluss. Dazu kommt ein Handy, das auf dem Notenpult lehnt. Du musst nichts kaufen und nichts einrichten.

Erkennung über MIDI

Ein Digitalpiano, das über USB oder Bluetooth verbunden ist, meldet jeden Tastendruck als Daten: welche Taste, wann sie runterging, wann sie wieder hochkam und wie fest du angeschlagen hast. Geschätzt wird dabei nichts, deshalb ist das Ergebnis exakt. Außerdem erfasst MIDI die Anschlagstärke, die sich übers Mikrofon nur ungefähr bestimmen lässt. Dafür brauchst du ein digitales Instrument und meistens ein Kabel. Was es mit dem Format selbst auf sich hat, erklärt unser Artikel Was ist MIDI?

Welche Apps zuhören und wie

Vergleich von Klavier-Apps: Erkennung über Mikrofon und MIDI, Unterstützung für akustische Klaviere und Herkunft der Songs

AppMikrofonMIDIAkustisches KlavierSongs, bei denen sie dir zuhören kann
Anything PianoJaBluetooth und USBJaJede Aufnahme, die du ihr gibst
Simply PianoJaJaJaEigener Katalog
flowkeyJaJaJaEigener Katalog, mindestens 1.500
SkooveJaJaJaEigener Katalog
YousicianJaJaJaEigener Katalog
SynthesiaNeinJaNeinMIDI-Dateien, die du selbst mitbringst
Piano MarvelNeinJaNeinLernbibliothek mit Schwierigkeitsstufen

Die rechte Spalte übersehen viele, dabei ist sie für die Songauswahl wichtiger als die Spalte zum Mikrofon. Zuhören bringt nur etwas, wenn die App weiß, worauf sie hören soll, und dafür braucht sie ein Arrangement des Songs, den du spielen willst. Fünf dieser Apps können dir nur bei Songs zuhören, die ihr eigenes Team arrangiert hat. Auch eine App, die dich fehlerfrei hört, hilft dir bei einem Stück, das sie nicht im Angebot hat, also nicht weiter.

Anything Piano trennt das Zuhören vom Katalog. Die App erstellt die Klavierstimme aus jeder Aufnahme, die du ihr gibst, ob Audiodatei oder Link zu YouTube, TikTok oder Instagram. Danach hört sie über das Mikrofon oder per Bluetooth- und USB-MIDI zu, während du die Stimme spielst. Folgen kann sie dir also bei allen Songs, die es gibt, und nicht nur bei denen, die jemand arrangiert hat. Sie fragt außerdem, ob dein Keyboard 49, 61, 76 oder 88 Tasten hat, und richtet die Tasten auf dem Bildschirm danach aus. Wenn du die Fingersatzanzeige einschaltest, erscheinen auf der Piano Roll Fingernummern. So siehst du, mit welchem Finger du jeden Ton spielst. Anything Piano erstellt ausschließlich Piano-Roll-Tutorials und keine Noten. Wenn du Noten zum Ausdrucken suchst, nimm dafür Songscription und nicht die App.

Wo die Erkennung übers Mikrofon an Grenzen stößt

Wenn eine App einen Ton als falsch markiert, von dem du genau weißt, dass du ihn gespielt hast, steckt fast immer eine von vier Situationen dahinter.

  • Dichte Akkorde. Sechs oder sieben Töne gleichzeitig teilen sich Obertöne, und ein Ton, dessen Grundton mit dem Oberton eines anderen Tons zusammenfällt, lässt sich wirklich schwer aus dem Gesamtklang herauslösen. Blockakkorde mit beiden Händen in der tiefen Lage sind der klassische Fall, an dem die Erkennung scheitert.
  • Viel Haltepedal. Das Pedal ist dafür da, eine Harmonie in die nächste verschwimmen zu lassen. Genau deshalb kann die App nur schwer erkennen, wo ein Akkord aufgehört und der nächste angefangen hat.
  • Hintergrundgeräusche. Eine Spülmaschine, ein Ventilator, Verkehr durchs offene Fenster, ein Fernseher im Nebenzimmer. All das landet in derselben Aufnahme wie dein Spiel.
  • Ein verstimmtes Klavier. Ist ein Ton einen Viertelton zu tief, sucht die App nach einer Tonhöhe, die gar nicht da ist. Ein Klavier, das seit zehn Jahren nicht gestimmt wurde, bekommt rätselhaft schlechte Bewertungen, und zwar genau in dem Bereich, in dem es sich am stärksten verstimmt hat.

Keine dieser Situationen macht die Erkennung unbrauchbar. Kennen solltest du trotzdem alle vier, denn nach einer schlechten Bewertung denkt man ganz automatisch, man habe schlecht gespielt. Verpasst eine App in einer bestimmten Lage oder an einer bestimmten Stelle immer wieder Töne, prüf erst den Raum und die Stimmung, bevor du deinen Übeplan umwirfst.

So richtest du den Raum ein

  • Stell das Gerät aufs Notenpult, zum Instrument hin ausgerichtet. Also nicht aufs Sofa am anderen Ende des Raums und nicht mit dem Display nach unten.
  • Schließ beim Flügel den Deckel oder stell ihn mit der kurzen Stütze auf. Ein ganz geöffneter Deckel lenkt den Klang von der Stelle weg, an der dein Handy liegt.
  • Mach das Fenster zu und schalte alles mit einem Lüfter aus. Günstiger bekommst du keine bessere Genauigkeit.
  • Spiel in normaler Lautstärke. Leise zu üben, damit sich niemand gestört fühlt, ist der häufigste Grund dafür, dass die App Töne nicht erkennt.
  • Nimm am Digitalpiano Kopfhörer oder ein MIDI-Kabel, wenn es still sein muss. Was niemand hört, hört auch die App nicht. Ein stummes Digitalpiano braucht deshalb das Kabel statt des Mikrofons.
  • Lass das Klavier stimmen. Das lohnt sich schon für sich allein, und es behebt eine ganze Reihe von Bewertungsproblemen, die meistens der Software angelastet werden.

Was keine App hören kann

Ein grüner Haken kann dir leicht das Gefühl geben, alles richtig gemacht zu haben. Jede App in dieser Kategorie bewertet Tonhöhe und Timing, und das ist nur ein schmaler Ausschnitt des Klavierspiels, egal wie gut das Mikrofon ist. Welchen Finger du benutzt hast, sieht sie nicht. Dabei ist ein falscher Fingersatz der häufigste Fehler, wenn man sich das Spielen selbst beibringt, und hat er sich einmal eingeschliffen, lässt er sich besonders schwer korrigieren. Sie sieht auch kein verspanntes Handgelenk, kein einknickendes Fingergelenk und keine Schulter, die langsam Richtung Ohr wandert. All das führt zu Verletzungen.

Ob die Phrase nach Musik geklungen hat, kann sie dir ebenfalls nicht sagen. Eine Passage, die fehlerfrei, aber ohne jede Gestaltung gespielt ist, bekommt dieselbe Bewertung wie eine, die atmet. Diese Lücke kann nur eine Lehrkraft füllen. Deshalb ist eine Unterrichtsstunde alle ein bis zwei Monate neben der App eine verbreitete und vernünftige Lösung. Alles andere kann die App gut, zum Beispiel merken, ob du Fis statt F gespielt hast oder im dritten Takt zu schnell geworden bist.

Häufige Fragen

Gibt es eine Klavier-App, die dir beim Spielen zuhört?

Ja, mehrere. Anything Piano, Simply Piano, flowkey, Skoove und Yousician werten den Klang über das Mikrofon deines Geräts aus und zeigen dir, welche Töne du getroffen und welche du verfehlt hast. Ein akustisches Klavier oder ein Flügel funktioniert also ganz ohne Kabel. Mit Anything Piano kannst du jeden beliebigen Song spielen, weil die App die Klavierstimme aus einer Aufnahme erstellt, statt sie aus einem festen Katalog zu nehmen. Mitspielen kannst du dort zu einer Piano Roll statt zu Noten. Ausnahmen sind Synthesia und Piano Marvel, die beide nur MIDI lesen.

Woher weiß eine Klavier-App, welche Töne ich gespielt habe?

Das geht auf zwei Wegen. Bei der Erkennung über das Mikrofon nimmt die App den Klang auf und schätzt, welche Tonhöhen darin stecken. Das klappt mit jedem Instrument und ohne Kabel, allerdings muss die App mehrere gleichzeitig klingende Töne von Raumgeräuschen und dem verwischten Klang des Pedals trennen. Bei der Erkennung über MIDI liest die App die Notendaten, die ein Digitalpiano über USB oder Bluetooth schickt. Diese Daten sind exakt und geben auch an, wie fest du jede Taste angeschlagen hast. Dafür brauchst du aber ein digitales Instrument.

Funktionieren Klavier-Apps mit einem akustischen Klavier?

Ja, solange die App Mikrofoneingabe unterstützt. Stell Handy oder Tablet aufs Notenpult, zu den Saiten hin ausgerichtet, mach das Fenster zu, schalte alles mit einem Lüfter aus und spiel in normaler Lautstärke statt leise. Ein Klavier funktioniert besser als ein Flügel mit ganz geöffnetem Deckel, weil der hochgestellte Deckel den Klang vom Gerät weglenkt. Mehr dazu im Artikel Klavier lernen ohne MIDI-Keyboard.

Ist bei Klavier-Apps das Mikrofon oder MIDI genauer?

Eindeutig MIDI, weil das Keyboard genau meldet, welche Taste wann und wie fest gedrückt wurde. Die Erkennung über das Mikrofon ist eine Schätzung. Sie wird ungenauer bei dichten Akkorden, wenn du das Haltepedal viel benutzt, bei Hintergrundgeräuschen und bei einem stark verstimmten Klavier. Wenn du Songs lernst, fällt der Unterschied selten ins Gewicht. Wird dein Spiel benotet oder über längere Zeit ausgewertet, lohnt sich das Kabel.

Fazit

Vor zehn Jahren war eine App, die ein Klavier richtig hören konnte, das Beeindruckende an dieser Kategorie, und man vergisst leicht, wie kurz das her ist. Heute ist das selbstverständlich. Zuhören können alle Apps. Sie unterscheiden sich darin, bei welchen Songs sie dir zuhören können, und jede Katalog-App kann dir nur bei den Songs zuhören, die ihre eigenen Arrangeur:innen schon ausgeschrieben haben.

Bevor du irgendein Abo abschließt, such im Katalog nach dem Stück, das du wirklich spielen willst. Ist es nicht dabei, hilft dir auch die genaueste Erkennung übers Mikrofon nichts. Wenn du unabhängig von einem festen Katalog üben willst, kannst du Anything Piano ausprobieren. Die App erstellt die Stimme aus der Aufnahme und hört dir dann zu, während du sie spielst.

Zur Person

Songscription

Geschrieben von

Songscription

Von Musiker:innen für Musiker:innen gemacht

Songscription macht aus jeder Aufnahme Noten, MIDI und Tabs. Dieser Beitrag kommt von den Musiker:innen und Entwickler:innen, die an den Tools arbeiten, die wir selbst gern gehabt hätten. Die Noten nehmen wir ernst, unsere Wortspiele noch ernster. Sollte eins davon schief klingen, entschuldigen wir uns schon mal im Voraus.

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