Wenn du mit dem Klavier anfängst, sind meist 15 bis 30 Minuten am Tag sinnvoll. Auf mittlerem Niveau sind es 30 bis 60 Minuten. Wenn du schon weit fortgeschritten bist und dich auf Prüfungen oder Auftritte vorbereitest, kann es eine Stunde oder mehr sein, oft auf mehrere Einheiten verteilt. Diese Zeiten setzen voraus, dass du an den meisten Tagen der Woche konzentriert übst. Wie du die Zeit nutzt, zählt mehr als die Dauer. Zwanzig Minuten an Takten, die noch nicht klappen, bringen mehr als eine Stunde mit dem, was du schon kannst.
So würden es dir ungefähr auch die meisten Klavierlehrkräfte sagen. Zwei Menschen können aber gleich lange üben und dabei sehr unterschiedlich vorankommen. Der Unterschied liegt fast immer darin, wie sie üben, und nicht im Talent.
Wie lange du für ein bestimmtes Stück brauchst, ist eine andere Frage. Dazu findest du mehr im Artikel Wie lange dauert es, einen Song auf dem Klavier zu lernen?.
Zur Einordnung: Wir entwickeln Songscription. Unser Team entwickelt auch Anything Piano, das weiter unten einmal vorkommt.
Wie lange solltest du je nach Können täglich üben?
Am Anfang sind 15 bis 30 Minuten täglich ein guter Richtwert, auf mittlerem Niveau 30 bis 60 Minuten. Wenn du fortgeschritten bist, ist es eine Stunde oder mehr, meist auf mehrere Einheiten verteilt. Gemeint ist jeweils das Üben an den meisten Tagen der Woche. Zusätzliche Zeit hilft nur, wenn du sie konzentriert nutzt. Eine kurze, gut genutzte Einheit bringt deshalb mehr als eine lange, in der du ohne klares Ziel spielst.
Tägliche Übezeiten nach Können und wofür du die Zeit hauptsächlich brauchst
| Stand | Tägliche Übezeit | Wofür du die Zeit hauptsächlich brauchst |
|---|---|---|
| Einstieg im ersten Jahr | 15 bis 30 Minuten | Noten lesen oder Töne auf den Tasten finden, einfache Stücke, Handhaltung |
| Mittleres Niveau | 30 bis 60 Minuten | Mehrere Stücke gleichzeitig, Technik, vom Blatt spielen |
| Fortgeschritten oder in der Prüfungsvorbereitung | 60 Minuten oder mehr, aufgeteilt | Repertoire vertiefen, an der Technik arbeiten, Programme für Auftritte durchspielen |
Wenn du gerade anfängst
Im ersten Jahr begrenzt meist die Aufmerksamkeit die Übezeit. Hände und Augen müssen gleichzeitig viel Neues bewältigen. Nach etwa 20 Minuten lässt die Konzentration oft nach. Eine kurze Einheit an den meisten Tagen bringt mehr als eine lange zweimal pro Woche. Wenn du aufhörst, solange sich das Spielen noch gut anfühlt, setzt du dich morgen leichter wieder ans Klavier.
Auf mittlerem Niveau
Sobald du an Stücken arbeitest, die mehrere Seiten lang sind, werden 30 Minuten oft knapp. Das entspricht ungefähr den mittleren Prüfungsstufen eines Systems wie ABRSM oder RCM. Vielleicht übst du gerade zwei oder drei Stücke, dazu Tonleitern und das Spielen vom Blatt. Alles braucht Zeit. Oft hilft es dann, morgens und abends je eine Einheit einzuplanen.
Wenn du fortgeschritten bist
Wer fortgeschritten ist oder sich auf eine Prüfung vorbereitet, übt oft deutlich mehr als eine Stunde, aber selten am Stück. Lange Programme müssen durchgespielt werden, schwierige Stellen brauchen weiterhin langsames, konzentriertes Üben. Mehrere Einheiten mit echten Erholungspausen dazwischen schonen die Hände und helfen, die Konzentration zu halten.
Bringt konzentriertes Üben mehr als langes Üben?
Die Übedauer sagt nur dann etwas über den Fortschritt aus, wenn du an Dingen arbeitest, die du noch nicht kannst. Du kannst ein Stück jeden Tag von vorn spielen, die vertrauten Stellen genießen und dich durch die schwierigen kämpfen. So vergeht leicht eine Stunde, ohne dass etwas besser wird. Zwanzig Minuten an den vier schwierigsten Takten bringen meist mehr.
Ohne klares Ziel zu üben, fühlt sich trotzdem oft produktiv an. Es klingt nach Musik, die Zeit vergeht und das Stück wird vertrauter. Nur bekommen die schwierigen Stellen genauso viel Aufmerksamkeit wie die leichten. Die leichten werden dadurch besser, während die schwierigen schwierig bleiben.
Wenn du schon vor dem Hinsetzen festlegst, was du heute verbessern möchtest, kannst du den größten Teil der Einheit dafür nutzen. So sind auch die beiden Übepläne weiter unten aufgebaut.
Was sagt die Forschung über gezieltes Üben?
Die bekannteste Forschung dazu stammt vom Psychologen K. Anders Ericsson. Gemeinsam mit Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer untersuchte er das Üben von Violinstudierenden an einer Berliner Musikhochschule. Die leistungsstärksten Studierenden hatten insgesamt mehr Zeit mit gezieltem Üben verbracht. Damit war anstrengende Arbeit allein an konkreten Schwächen gemeint, mit klarer Rückmeldung zum Ergebnis. Einfach nur länger zu spielen, war damit nicht gleichzusetzen.
Für das Klavierüben lässt sich vor allem diese Definition nutzen. Gezieltes Üben hat ein konkretes Ziel und setzt bei etwas an, das knapp über deinem jetzigen Können liegt. Du bekommst eine Rückmeldung dazu, ob es gelungen ist. Es verlangt außerdem so viel Konzentration, dass es nicht immer Spaß macht. Stücke durchzuspielen, die du schon kannst, fällt nicht darunter, auch wenn du es lange machst.
Die Forschung wird häufig verkürzt wiedergegeben. Bekannt wurde sie als „10.000-Stunden-Regel“. Ericsson selbst widersprach dieser Vereinfachung. Die Zahl war ein Durchschnittswert aus einer Gruppe von Studierenden, keine Grenze, die man erreichen musste. Untersucht wurde, wie geübt wurde, und nicht bloß die Gesamtzeit. Für dein tägliches Üben heißt das: Du setzt dir ein Ziel, arbeitest an der Grenze deines Könnens und brauchst eine Möglichkeit, das Ergebnis zu prüfen.
Wer sich das Klavierspielen selbst beibringt, bekommt oft zu wenig Rückmeldung. Eine Lehrkraft kann sie geben. Du kannst dich auch aufnehmen und die Aufnahme anhören. Apps, die dir beim Spielen zuhören, geben eine begrenzte Form dieser Rückmeldung. Sie können dir sagen, welche Töne du verfehlt hast, aber nicht, ob du die Phrase musikalisch gestaltet hast.
Ist es besser, jeden Tag zu üben?
An den meisten Tagen zu üben, bringt mehr als längere Einheiten an wenigen Tagen. Bewegungsabläufe festigen sich zwischen den Einheiten. Wenn du eine Stelle an mehreren Tagen wieder aufgreifst, sitzt sie deshalb zuverlässiger, als wenn du sie in einer einzigen Einheit viel öfter wiederholst. Ein oder zwei freie Tage pro Woche sind in Ordnung und helfen oft sogar.
Auch im Alltag lässt sich das leichter unterbringen. Zwanzig Minuten täglich werden eher zur Gewohnheit. Zwei Stunden am Samstag fallen dagegen schnell aus, wenn etwas dazwischenkommt. Wer stetig vorankommt, übt meist so, dass es in die Woche passt und nicht mit allem anderen um die Zeit konkurriert.
Ein Übeplan für 20 Minuten
In diesen 20 Minuten verwendest du die meiste Zeit darauf, an einem konkreten Ziel zu arbeiten. Davor spielst du dich kurz ein, danach bleiben ein paar Minuten für etwas, das du gern spielst. Das passt zum Einstieg und auch zu einem vollen Tag. Im mittleren Block übst du dabei die schwierigste Stelle; das ganze Stück durchzuspielen kommt später.
Eine 20-minütige Übeeinheit am Klavier, Schritt für Schritt
| Minuten | Abschnitt | Was du machst |
|---|---|---|
| 0 bis 3 | Einspielen | Eine Tonleiter oder eine Fünftonübung, langsam und gleichmäßig |
| 3 bis 15 | Gezielt üben | Einen Abschnitt von 4 bis 8 Takten langsam üben, erst mit jeder Hand einzeln, dann mit beiden zusammen |
| 15 bis 18 | Übergänge üben | Den Abschnitt zusammen mit dem Takt davor und dem Takt danach spielen |
| 18 bis 20 | Zum Spaß spielen | Etwas spielen, das du schon gut kannst |
Ein Übeplan für 45 Minuten
In 45 Minuten ist Platz für Technik, zwei Stücke und einen kurzen Durchlauf. In der Mitte liegt eine Pause. Das passt auf mittlerem Niveau und wenn du ein Stück für den Unterricht oder einen Auftritt vorbereitest. Wie bei der kürzeren Einheit verbringst du den größten Teil der Zeit mit Stellen, die du noch nicht spielen kannst.
Eine 45-minütige Übeeinheit am Klavier, Schritt für Schritt
| Minuten | Abschnitt | Was du machst |
|---|---|---|
| 0 bis 5 | Einspielen | Tonleitern und Arpeggios in den Tonarten deiner aktuellen Stücke |
| 5 bis 10 | Technik | Eine Übung, etwa von Hanon oder Czerny, in einem Tempo, das du sicher halten kannst |
| 10 bis 25 | Erstes Stück gezielt üben | Den schwierigsten Abschnitt erst mit jeder Hand einzeln, dann mit beiden zusammen üben und das Tempo schrittweise erhöhen |
| 25 bis 27 | Pause | Aufstehen und die Hände ausschütteln |
| 27 bis 37 | Zweites Stück gezielt üben | Einen anderen Abschnitt oder ein neueres Stück üben |
| 37 bis 40 | Vom Blatt oder nach Gehör spielen | Etwas Neues und Einfaches einmal vom Blatt spielen oder nach Gehör heraushören |
| 40 bis 45 | Durchspielen | Ein Stück ohne Unterbrechung durchspielen, wie bei einem Auftritt |
Wann du bei den gezielten Übeblöcken mit jeder Hand einzeln übst und wann wieder mit beiden zusammen, erklärt unser Artikel zum Üben mit jeder Hand einzeln.
Kurze Übezeiten gut nutzen
Kurze Einheiten bringen etwas, wenn dein Material schon bereitliegt und du schnell Rückmeldung bekommst. Vor dem Hinsetzen sollte klar sein, welche Takte du übst. Spiele sie langsamer, statt dich zu hetzen. Du brauchst außerdem eine Möglichkeit zu prüfen, ob du sie richtig gespielt hast. Diese drei Gewohnheiten bringen mehr als zusätzliche Minuten.
Wenn du deine Stücke aus Aufnahmen statt aus Notenbüchern lernst, brauchst du zuerst verlässliches Übematerial. Mit einfachen Klaviernoten von Songscription werden aus einer Aufnahme Noten in fünf Schwierigkeitsstufen. So übst du am Anfang keine Stimme, die vier Stufen zu schwer ist.
Wenn du lieber mitspielst, statt Noten zu lesen, erstellt Anything Piano aus jeder Aufnahme oder einem YouTube-Link eine Piano Roll mit fallenden Noten. Anything Piano hört dir über das Mikrofon zu und funktioniert deshalb auch an einem akustischen Klavier ohne Kabel. Du siehst, welche Töne du getroffen und welche du verfehlt hast. Bei Bedarf übst du mit einer Hand und verringerst die Wiedergabegeschwindigkeit. Der Song wird in Abschnitte aufgeteilt, die du nacheinander lernst. Dein Fortschritt wird angezeigt. Auf der Piano Roll lassen sich auch Fingernummern anzeigen, damit du siehst, welcher Finger welchen Ton spielt.
Wenn du mit Noten lernen möchtest, hat Anything Piano eine Einschränkung: Es zeigt eine Piano Roll und keine Noten. Zum Lernen mit Videos findest du mehr im Artikel Klaviersongs mit YouTube lernen.
Wann du deine Übezeit ändern solltest
Mehr Übezeit kann sinnvoll sein, wenn du trotz konzentrierter Arbeit über Wochen bei einem Stück nicht erkennbar weiterkommst oder zwischen den Einheiten vergisst, was du gelernt hast. Weniger Zeit oder mehr Pausen sind angebracht, wenn du Verspannungen oder Schmerzen spürst, gegen Ende mehr Fehler machst oder dich nur widerwillig ans Klavier setzt.
- Bei Schmerzen oder anhaltenden Beschwerden hörst du auf und holst dir Rat. Hände, Handgelenke und Unterarme lassen sich leicht überlasten.
- Wenn du gegen Ende einer Einheit mehr Fehler machst, bist du müde. Hör dann auf oder mach eine Pause.
- Wenn du das gestern Geübte wieder vergisst, liegen meist zu viele freie Tage zwischen den Einheiten. Zu wenige Minuten sind seltener das Problem.
- Wenn du nur durchspielst, statt zu üben, brauchst du für die nächste Einheit ein Ziel, bevor du anfängst.
- Wenn du ungern übst, passt meist das Material nicht. Vielleicht ist es zu schwer, vielleicht interessiert dich die Musik nicht.
Häufige Fragen
Reichen 30 Minuten Klavierüben am Tag?
Wenn du gerade anfängst oder schon etwas über die Grundlagen hinaus bist, ja. Eine halbe Stunde konzentriertes Üben an den meisten Tagen der Woche reicht, um stetig voranzukommen. Dabei solltest du die meiste Zeit mit Stellen verbringen, die du noch nicht spielen kannst, statt mit solchen, die schon sitzen. Wer auf mittlerem Niveau an längeren Stücken arbeitet, braucht meist eher eine Stunde, um mit mehreren Stücken zugleich weiterzukommen.
Sollte ich täglich Klavier üben oder lieber ein paarmal pro Woche länger?
Kürzere Einheiten an den meisten Tagen bringen mehr als ein oder zwei lange. Zwischen den Einheiten festigt sich das Gelernte, auch im Schlaf. Eine Stelle an mehreren Tagen wieder aufzugreifen, festigt sie deshalb zuverlässiger, als sie in einer einzigen Einheit sehr oft zu wiederholen. Wer am Sonntag zwei Stunden übt, wird gegen Ende außerdem oft müde. Dann übt man Fehler eher ein, als sie zu beheben.
Kann man zu viel Klavier üben?
Ja. Lange Einheiten ohne Pausen führen zu Verspannungen, unsauberen Wiederholungen und manchmal auch zu Überlastungsverletzungen an Händen, Handgelenken und Unterarmen. Bei Schmerzen hörst du auf, statt weiterzuspielen. Mach alle 20 bis 30 Minuten eine kurze Pause und halte Schultern und Handgelenke locker. Wenn Beschwerden nach dem Spielen anhalten, hol dir Rat bei deiner Lehrkraft oder lass sie ärztlich abklären.
Wie lange sollte ein Kind täglich Klavier üben?
Für jüngere Kinder, die gerade anfangen, sind kurze Einheiten meist am besten, oft 10 bis 20 Minuten. Die Aufmerksamkeit lässt nach, bevor die Übezeit vorbei ist. Mehrere kurze Einheiten am Tag können besser funktionieren als eine lange. Ältere Kinder und Jugendliche, die an Stücken für bestimmte Prüfungsstufen arbeiten, können die Zeit nach und nach auf 30 Minuten oder mehr verlängern. Die konkreten Ziele für jede Einheit legt die Lehrkraft fest.
Deine tägliche Übezeit
Für die tägliche Übezeit gibt es Richtwerte, und sie sind überschaubar. Zwanzig Minuten mit einem klaren Ziel bringen meist mehr als eine Stunde ohne Ziel. Das entspricht auch der Forschung zum gezielten Üben: Der Fortschritt hängt davon ab, wie du übst, und nicht allein davon, wie lange du am Klavier sitzt.
Ein konkreter Plan beginnt bei den Takten, die du heute verbessern möchtest. Für sie nimmst du dir den größten Teil der Übezeit. Du prüfst ehrlich, was klappt, und hörst auf, bevor du müde wirst. Am nächsten Tag greifst du die Arbeit wieder auf. Wenn die Stücke länger werden, wächst die Übezeit meist von selbst. Den Ablauf aus den kurzen Einheiten kannst du dabei beibehalten.