Eine eigene Aufnahme in MIDI umzuwandeln ist eine andere Aufgabe, als sie direkt in Noten zu verwandeln. MIDI legt noch nichts für die Notation fest und liefert dir den rohen musikalischen Inhalt als Daten: Tonhöhen, Einsätze, Tondauern, Anschlagstärken. Damit kannst du fast alles machen: einen falschen Ton korrigieren, die Stimme einem anderen Instrument geben, ein Klavierarrangement daraus bauen oder das MIDI in eine DAW-Session ziehen und als Grundlage für einen neuen Track nehmen.
Ausgangspunkt ist deine eigene Aufnahme. Das kann ein Demo sein, das du auf der Gitarre aufgenommen hast, eine Klavieraufnahme, die du noch einmal bearbeiten willst, oder eine Bandaufnahme von einem deiner Songs. Am Ende steht MIDI, mit dem du bei Klavierprojekten wirklich weiterarbeiten kannst.
Warum MIDI, wenn du am Klavier weiterarbeitest
Wenn am Ende Klaviermusik stehen soll, also ein Klavierarrangement, ein Klavier-Cover oder eine Klavierstimme in einer größeren Session, ist MIDI fast immer das richtige Zwischenformat. Dafür gibt es mehrere Gründe, und sie verstärken sich gegenseitig:
- Du kannst es bearbeiten. Audio ist eine feste Wellenform, MIDI eine Liste von Tönen. Einen Ton eine Oktave höher zu legen ist in MIDI ein Klick und in Audio ein eigenes Projekt.
- Es hängt an keinem Instrument. Eine MIDI-Stimme, die du auf der Gitarre eingespielt hast, lässt sich mit einer einzigen Einstellung einem Klavier zuweisen. Neu aufnehmen musst du dafür nichts.
- Die meisten weiteren Schritte fangen damit an. Noten erzeugen, eine Piano Roll erzeugen, eine Melodie harmonisieren: All das geht von MIDI aus, nicht von Audio.
- Es funktioniert überall. Jede DAW, jedes Notensatzprogramm und jeder Sampler liest MIDI. Das Dateiformat ist seit vierzig Jahren stabil und wird so bald nicht verschwinden.
Wenn du also weißt, dass dein Projekt noch weitere Bearbeitung braucht, und bei Klavierprojekten ist das meistens so, ist der Weg über MIDI zu den Noten in der Regel der sauberere.
So läuft die Umwandlung ab
Schritt 1: Die Aufnahme vorbereiten
Nimm die sauberste Version der Aufnahme, die du hast. Hintergrundgeräusche, Raumhall und starke Kompression machen das MIDI, das am Ende herauskommt, schlechter. Ist deine Quelle ein kompletter Mix und du brauchst nur ein Instrument daraus, schick den Mix vorher durch einen Stem-Splitter (Moises, LALAL.AI, RipX) und gib dem MIDI-Konverter nur den passenden Stem. Die Stem-Trennung ist in den letzten Jahren so viel besser geworden, dass dieser Schritt nur noch ein paar Minuten dauert und keine Stunden.
Schritt 2: Das passende Tool wählen
Für Klavierprojekte nimmst du am besten ein Transkriptionstool mit einem eigenen Modell für Klavier. Songscription wandelt Audio in MIDI um, für Klavier und mehrere andere Instrumente, und hat für das häufigste Ausgangsformat einen eigenen Weg von MP3 zu MIDI. Die meiste Arbeit nach der Umwandlung passiert im Piano-Roll-Editor der Plattform, der synchron zur Originalaufnahme läuft. Ein solcher synchroner Editor zählt meistens mehr als die letzten paar Prozent an reiner Erkennungsgenauigkeit. Bei einstimmigen Quellen wie einer einzelnen Leadgitarre oder einer Saxofonlinie liefern auch die meisten Tools, die schon in der DAW stecken, brauchbare Ergebnisse. Einen ausführlicheren Vergleich der verfügbaren Tools findest du in unserem Leitfaden zu Audio in MIDI.
Schritt 3: Umwandeln und das MIDI prüfen
Starte die Umwandlung. Heraus kommt eine MIDI-Datei, die du meistens direkt herunterladen kannst oder im Tool als Piano Roll siehst. Bevor du irgendetwas anderes machst, hör dir das MIDI erst allein an. Bei den meisten Tools kannst du es dafür mit einem Klaviersound abspielen. Danach hörst du es zusammen mit dem Originalaudio. Beim ersten Hören merkst du, ob sich der Rhythmus richtig anfühlt, beim zweiten, welche Töne das Modell verpasst hat.
Schritt 4: Artefakte aufräumen
Auch bei den besten Modellen lohnt es sich, das MIDI noch einmal aufzuräumen. Diese Artefakte tauchen am häufigsten auf: sehr kurze Einzeltöne, die das Modell irrtümlich erkannt hat, Basstöne, die eine Oktave zu hoch oder zu tief gelandet sind, gehaltene Töne, die zu früh abbrechen, und ab und zu ein fehlender Ton in einem schnellen Lauf. Jeden dieser Fehler behebst du im Piano-Roll-Editor mit einem Klick. Plan für einen dreiminütigen Song 10–20 Minuten ein, bei einer sauberen Ausgangsaufnahme weniger.
Schritt 5: Den nächsten Schritt wählen
Sobald das MIDI fertig ist, stehen dir mehrere sinnvolle Wege offen. Du kannst direkt Noten exportieren; die Einzelheiten stehen in unserem Leitfaden MIDI zu Noten. Du kannst das MIDI in eine DAW ziehen und als Ausgangspunkt für eine neue Produktion nehmen. Oder du weist Instrumente neu zu, harmonisierst eine Melodie oder baust ein Klavierarrangement um eine vorhandene Stimme herum. Was als Nächstes kommt, hängt ganz davon ab, was du machen willst.
Typische Ausgangsaufnahmen
Ein Demo, das du auf der Gitarre oder einem anderen Instrument gespielt hast
Hast du ein Songdemo auf der Gitarre aufgenommen und willst eine Klavierversion davon, ist MIDI die Brücke dazwischen. Transkribiere die Gitarre in MIDI und weise die Stimme dann in deiner DAW oder deinem Notensatzprogramm dem Klavier zu. Gitarren-Voicings lassen sich allerdings oft nicht direkt aufs Klavier übertragen: Ein gezupftes Arpeggio kann auf dem Klavier dünn klingen, und ein Barréakkord landet auf der Tastatur womöglich in einer ungünstigen Lage. Wahrscheinlich willst du die Voicings der Akkorde nach der Umwandlung für Klavier neu setzen. Nimm das MIDI als genaue Aufzeichnung dessen, was du gespielt hast. Das Klavierarrangement ist ein eigener kreativer Schritt, der darauf aufbaut.
Eine Klavieraufnahme, die du noch einmal bearbeiten willst
Manchmal hast du einen Klavier-Take, der fast passt, aber noch Feinschliff braucht: eine Passage im falschen Tempo, ein Akkord in der falschen Umkehrung, ein Schluss, den du lieber neu schreiben würdest. Am saubersten kommst du an solche Änderungen heran, wenn du die Aufnahme in MIDI umwandelst. Das Spielgefühl des Originals bleibt erhalten, also die feinen Timing-Nuancen und der Verlauf der Anschlagstärke, und trotzdem kannst du jeden einzelnen Ton ändern. So sehen auch die meisten professionellen Abläufe beim Bearbeiten von Klavieraufnahmen seit Jahren aus: in MIDI umwandeln, auf Datenebene bearbeiten, dann mit einem Klaviersound neu rendern oder jemandem zum Einspielen geben.
Ein kompletter Bandtrack von deinem eigenen Song
Bei einem kompletten Mix erledigt die Stem-Trennung den Großteil der Arbeit, bevor das Transkriptionstool das Audio überhaupt zu hören bekommt. Schick den Song durch einen Stem-Splitter und gib dem MIDI-Konverter nur den Stem des Instruments, um das es dir geht. Meistens ist das das Klavier oder das Leadinstrument, das die Harmonien trägt. Fürs Arrangieren ist es praktisch, jedes Instrument als eigene MIDI-Spur vor dir zu haben. Du siehst dann, ob der Bass etwas Eigenständiges macht, wo Lücken in einer Stimme Platz für ein Fill lassen und wie sich die Harmonie unter dem Rest des Arrangements bewegt. Im rohen Audio siehst du nichts davon, im MIDI liegt es offen da.
Was du mit dem MIDI machen kannst
Instrumente neu zuweisen
Als Erstes macht dich MIDI unabhängig vom Instrument. Nimm eine Stimme, die du auf der Gitarre gespielt hast, und spiel sie mit einem Klaviersound ab, um zu hören, wie sie in dieser Lage sitzt. Nimm eine Klavierstimme und probier sie mit einem Rhodes-Sample oder als Streicher aus. Auf ein fertiges Arrangement legst du dich damit noch nicht fest. Du hörst dir die Möglichkeiten an, bevor du entscheidest.
Umharmonisieren und bearbeiten
Einen Akkord von Dur nach Moll ändern, die ganze Stimme einen Ganzton höher transponieren, ein Arpeggio gegen Blockakkorde tauschen: In MIDI sind das Routinebearbeitungen, in Audio sind sie mühsam oder gar nicht möglich. Bei Klavierprojekten arbeitest du am besten so, dass Melodie und Basslinie des Originals weitgehend unangetastet bleiben und du die Voicings in der Mittellage umbaust. Dort steckt oft der größte Teil der Persönlichkeit eines Arrangements.
Noten erzeugen
Ist das MIDI aufgeräumt, ist der Export in Noten ein einziger Schritt. Wie du von deiner eigenen Aufnahme bis zu lesbaren Klaviernoten kommst, steht Schritt für Schritt in unserem Leitfaden Eigene Aufnahmen in Klaviernoten verwandeln.
Ab in die DAW
Wer produziert, ist hier meistens beim letzten Schritt angekommen. Du importierst das MIDI in Ableton, Logic, FL Studio oder eine andere DAW, gibst ihm das Instrument, das zur Produktion passt, und behandelst es wie jede andere MIDI-Spur. Ab da beginnt die eigentliche Arbeit am Song.
Zum Schluss
MIDI ist für die meisten Klavierprojekte das richtige Zwischenformat, weil jeder weitere Schritt dieses Format versteht. Ein fertiger Mix oder gedruckte Noten lassen sich nur schwer ändern. MIDI bleibt dagegen beweglich: Du kannst es bearbeiten, anderen Instrumenten zuweisen und in das umformen, was du als Nächstes brauchst. Je früher deine eigenen Aufnahmen als MIDI vorliegen, desto mehr Möglichkeiten hast du.
Der Weg dorthin kostet heute fast nichts mehr. Ein Songdemo, das du vor fünf Jahren mit dem Handy aufgenommen und dann vergessen hast, kann heute in zwei Minuten zur MIDI-Datei werden.
Häufige Fragen
Warum wandle ich eine eigene Aufnahme in MIDI um und nicht direkt in Noten?
MIDI legt noch nichts für die Notation fest und gibt dir den rohen musikalischen Inhalt als Daten: Tonhöhen, Einsätze, Tondauern und Anschlagstärken. Damit kannst du einen falschen Ton korrigieren, die Stimme einem anderen Instrument zuweisen, sie als Klavierarrangement neu aufbauen oder in eine DAW ziehen. Wenn du später noch etwas bearbeiten willst, ist der Weg über MIDI zu den Noten meistens der sauberere.
Wie lange dauert es, MIDI aus einer Aufnahme aufzuräumen?
Auch bei den besten Modellen lohnt es sich, das MIDI danach noch einmal aufzuräumen. Am häufigsten sind sehr kurze Einzeltöne, die das Modell irrtümlich erkannt hat, Basstöne eine Oktave zu hoch oder zu tief, gehaltene Töne, die zu früh abbrechen, und ab und zu ein fehlender Ton in einem schnellen Lauf. Jeden dieser Fehler behebst du im Piano-Roll-Editor mit einem Klick. Plan für einen dreiminütigen Song 10 bis 20 Minuten ein, bei einer sauberen Ausgangsaufnahme weniger.
Lassen sich Gitarrenstimmen im MIDI direkt aufs Klavier übertragen?
Nicht immer. Gitarren-Voicings lassen sich oft nicht direkt aufs Klavier übertragen: Ein gezupftes Arpeggio auf der Gitarre kann auf dem Klavier dünn klingen, und ein Barréakkord landet auf der Tastatur womöglich in einer ungünstigen Lage. Nimm das MIDI als genaue Aufzeichnung dessen, was du gespielt hast, und setz die Voicings der Akkorde danach für Klavier neu. Das ist ein eigener kreativer Schritt, der darauf aufbaut.
