Eine Kadenz ist der Akkordschritt, mit dem eine musikalische Phrase endet. Man kann sie sich als Zeichensetzung der Harmonik vorstellen. Manche Kadenzen klingen wie ein Punkt, manche wie ein Komma, nach dem noch etwas kommen muss, und eine sorgt für eine echte Überraschung. Wenn du schon mal gespürt hast, wie ein Song an einem Ruhepunkt ankommt, der sich richtig gut anfühlt, oder sich diesen Ruhepunkt absichtlich verkneift, dann hast du eine Kadenz gehört. Vier davon solltest du beim Namen kennen. Sobald du sie heraushörst, erkennst du den Aufbau fast jedes Songs deutlicher.
Der Artikel baut auf den Akkordfolgen und der Kurzschreibweise von Akkorden mit römischen Ziffern auf. Es hilft, beides schon ein bisschen zu kennen.
Was eine Kadenz ist
Musik bewegt sich in Phrasen, also in kurzen musikalischen Sätzen, und jede Phrase braucht ein Ende. Die Kadenz ist das Akkordpaar genau an diesem Ende, und welche Akkorde dort stehen, entscheidet, ob die Phrase geschlossen oder offen wirkt. Beschrieben werden die Akkorde mit römischen Ziffern, je nachdem, auf welcher Stufe der Tonleiter sie aufbauen. I ist der Grundakkord, die Tonika. IV baut auf dem vierten Ton der Tonleiter auf und V auf dem fünften, das ist die Dominante. vi steht auf dem sechsten Ton und ist der parallele Mollakkord.
Kadenzen funktionieren über Spannung und Entspannung. Vor allem der V-Akkord enthält Töne, die stark zum Grundakkord ziehen, und deshalb fühlt sich der Schritt von V nach I wie eine Auflösung an. Die verschiedenen Kadenzen liefern diese Entspannung, schieben sie hinaus oder weichen ihr aus. Genau daraus entsteht das Gefühl von Satzzeichen in einem Song. Sind dir römische Ziffern neu, hilft dir unser Artikel übers Lesen von Akkordsymbolen weiter. Dort siehst du, wie sie mit Akkordnamen wie G und C zusammenhängen.
Der authentische Ganzschluss (V nach I)
Der authentische Ganzschluss, oft einfach Ganzschluss genannt, geht von V nach I. Er ist der stärkste und endgültigste Schluss in der westlichen Musik, das musikalische Gegenstück zum Punkt am Satzende. In C-Dur ist das ein G-Akkord, der sich nach C auflöst, und du hörst, wie sich die ganze Spannung des G im C löst.
Mit dieser Kadenz enden die meisten klassischen Stücke und unzählige Popsongs, denn nichts sagt so deutlich „Wir sind angekommen, das war’s“. Der Zug von V nach I ist übrigens dieselbe Beziehung, die auch den Quintenzirkel zusammenhält.
Der Plagalschluss (IV nach I)
Der Plagalschluss geht von IV nach I. Auch er landet zu Hause und klingt abschließend, kommt aber sanfter dort an, ohne den scharfen Zug des V-Akkords. Das ist das bekannte „Amen“, das am Ende eines Kirchenlieds gesungen wird, und deshalb heißt er oft auch „Amen-Kadenz“. In C-Dur folgt dabei auf einen F-Akkord ein C-Akkord.
Weil er weicher klingt, hängt der Plagalschluss oft als warmer Nachklang hinter dem eigentlichen Ende. In Gospel- und Worship-Musik bildet er häufig selbst die Auflösung, weil dieser ruhige, fast betende Klang dort zum Stil passt. Man könnte ihn den entspannten Verwandten des authentischen Ganzschlusses nennen.
Der Halbschluss
Ein Halbschluss endet auf dem V-Akkord, statt sich nach I aufzulösen. V steckt voller Spannung, und wer dort stehen bleibt, lässt die Phrase unfertig klingen, wie nach einem Komma oder einer Frage, die auf eine Antwort wartet. Die Musik hat innegehalten, aber nicht aufgehört, und wer zuhört, wartet gespannt auf das, was als Nächstes kommt.
Mit Halbschlüssen halten Komponist:innen den Schwung über lange Strecken. Eine Strophe endet zum Beispiel mit einem Halbschluss, damit der Refrain wie die Antwort wirkt, wie die Entspannung, die das angehaltene V versprochen hat. So ein Satzzeichen öffnet eine Tür, statt eine zu schließen.
Der Trugschluss
Der Trugschluss bereitet die starke Auflösung von V nach I vor und biegt dann ab. Statt auf I landet er auf vi, dem parallelen Mollakkord. In C-Dur erwartet das Ohr, dass G sich nach C auflöst, stattdessen geht es nach a-Moll. Das wirkt wie eine kleine Überraschung. Die Entspannung, auf die du dich eingestellt hast, bleibt aus, und die Musik muss weitergehen.
Komponist:innen setzen ihn ein, um nicht zu früh zu enden, um eine Phrase zu verlängern oder um ihr eine wehmütige Wendung zu geben. Wo du einen hellen Durakkord erwartest, steht mit vi nämlich ein Mollakkord.
So findest du eine Kadenz
Um Kadenzen in einem Song zu finden, hör auf die Stellen, an denen die Musik Luft zu holen scheint, also auf die Enden der Phrasen. Dann schau dir die beiden Akkorde an dieser Stelle an:
- Landet die Phrase von V aus fest auf dem Grundakkord? Authentischer Ganzschluss. Das klingt fertig.
- Kommt sie von IV aus zu Hause an und klingt sanft, fast wie ein Kirchenlied? Plagalschluss.
- Bleibt sie auf einem gespannten Akkord stehen, der weiterwill? Halbschluss.
- Bereitet sie das Ende vor und landet dann unerwartet auf einem Mollakkord? Trugschluss.
Im Grunde ist das Gehörbildung, und es geht Hand in Hand damit, die Tonart und die Akkorde eines Songs zu kennen. Wenn du dir gerade einen Song nach Gehör erarbeitest, findest du in unseren Artikeln zum Bestimmen der Tonart und zu Akkordumkehrungen die Bausteine, aus denen Kadenzen bestehen.
Zum Schluss
Mit Kadenzen setzt die Musik ihre eigenen Satzzeichen. Vier davon decken fast alles ab, was dir begegnen wird: der authentische Ganzschluss als Punkt, der Plagalschluss als sanftes Amen, der Halbschluss als Komma und der Trugschluss als überraschende Wendung.
Wenn du einen Song mit einem Tool wie Songscription transkribierst, zeigen dir die Akkorde am Ende der Phrasen genau, wo diese Kadenzen sitzen. In deinen Noten kannst du dann mit den Augen nachprüfen, was dein Ohr schon vermutet hat. Den restlichen Wortschatz der Harmonik findest du im Glossar zur Notenschrift.
Häufige Fragen
Was ist eine Kadenz in der Musik?
Eine Kadenz ist der Akkordschritt, mit dem eine musikalische Phrase endet, also so etwas wie die Satzzeichen der Harmonik. Ein Satz kann mit einem Punkt, einem Komma oder einem Fragezeichen enden, und genauso kann eine Phrase mit einem Akkordschritt enden, der abschließend klingt, der innehält oder der dich überrascht. Die vier wichtigsten Kadenzen sind der authentische Ganzschluss (V nach I), der Plagalschluss (IV nach I), der Halbschluss (Ende auf V) und der Trugschluss (V nach vi).
Welche vier Arten von Kadenzen gibt es?
Der authentische Ganzschluss geht vom V- zum I-Akkord und klingt vollständig aufgelöst, wie ein Punkt. Der Plagalschluss geht von IV nach I. Das ist das sanfte „Amen“ am Ende vieler Kirchenlieder. Der Halbschluss hält auf dem V-Akkord an und lässt die Phrase offen, wie ein Komma. Der Trugschluss bereitet die Auflösung von V nach I vor, landet dann aber auf dem vi-Akkord. Diese Überraschung hält die Musik in Bewegung.
Was ist der Unterschied zwischen einem authentischen Ganzschluss und einem Plagalschluss?
Beide enden auf dem Grundakkord I, und beide klingen abschließend. Sie kommen nur von verschiedenen Seiten dorthin. Der authentische Ganzschluss kommt von V, dem Akkord, der am stärksten zurück zum Grundakkord zieht, und klingt deshalb entschieden und endgültig. Der Plagalschluss kommt von IV. Dieser Schritt ist weicher und weniger gespannt, und so entsteht der ruhige „Amen“-Klang am Ende vieler Kirchenlieder.
