Im Lobpreis folgt das Klavierspielen einem Rhythmus, den es sonst kaum gibt. Am Dienstag kommt die Setlist, darauf steht ein Song, den noch niemand in der Band gespielt hat, und bis Sonntag muss er sitzen, in der Tonart, die die Stimme am Mikro schafft. Wenn du das vierzigmal im Jahr machst, baust du kein Repertoire auf. Du lernst einen schnellen Ablauf, den du jede Woche wiederholen kannst, um aus einer Aufnahme etwas Spielbares zu machen.
Deshalb passen die üblichen Tipps hier schlecht. Das meiste Lernmaterial fürs Klavier geht davon aus, dass du einen Monat an einem Stück arbeitest. Im Lobpreis sind es eher vier Songs in fünf Tagen, und fast immer hakt es an derselben Stelle: Das Akkordblatt sagt dir, welche Akkorde du spielst, aber nichts darüber, wie die Aufnahme sie spielt.
Für diesen Ablauf musst du wissen, was im Akkordblatt fehlt, wie du an die Stimme kommst, die auf der Aufnahme zu hören ist, und wie du mit den Tonartwechseln umgehst, die sich aus der Stimme am Mikro ergeben. Dazu kommt ein Wochenplan, der neben dem Job funktioniert.
In eigener Sache: Wir entwickeln Songscription, und unser Team macht auch Anything Piano. Beide kommen unten vor, neben Akkordblatt-Diensten und dem ganz normalen Heraushören, das oft die richtige Wahl ist.
Was Lobpreis am Klavier anders macht
Vier Dinge sind anders, und zusammen verlangen sie Fähigkeiten, die man nicht einfach vom klassischen Klavier oder vom Pop-Piano mitbringt.
- Du hast Tage, keine Wochen. Du feilst nicht an einem Stück. Du bringst vier Songs bis Sonntag auf ein verlässliches Niveau und vergisst zwei davon danach größtenteils wieder.
- Gelesen werden Akkorde, keine Noten. Akkordblätter und Nashville-Zahlen sind im Lobpreis das, womit alle arbeiten, weil ein Song auf Zuruf in eine andere Tonart wandern muss und feste Noten das nicht können.
- Die Tonart gehört der Stimme am Mikro, nicht der Aufnahme. Am häufigsten verlierst du im Lobpreis einen Abend, weil du die Aufnahme in der Originaltonart gelernt hast und dann merkst, dass das Set einen Ganzton tiefer liegt.
- Meistens bist du ein Instrument unter mehreren. Was das Klavier spielen sollte, hängt davon ab, ob eine Akustikgitarre dabei ist, ein zweites Keyboard Flächen spielt oder nur du da bist.
Was im Akkordblatt fehlt
Ein Akkordblatt ist eine verkürzte Anweisung: Spiel diese Harmonien in dieser Reihenfolge. Damit kommst du durch einen Song, und genau deshalb hat sich das Format durchgesetzt. Es enthält aber viel weniger als die Aufnahme. Gib zwei Pianist:innen dasselbe Blatt, und du hörst zwei verschiedene Songs.
Es fehlt fast alles, woran man einen Song wiedererkennt. Das Voicing, also welche Töne des Akkords du tatsächlich spielst und in welcher Reihenfolge; davon hängt ab, ob es voll oder matschig klingt. Umkehrung und Basston: Steht im Blatt F und die Aufnahme spielt F mit einem A im Bass, klingt deine Version nicht wie die Aufnahme. Die Lage, denn derselbe Akkord eine Oktave tiefer kommt dem E-Bass in die Quere. Die rhythmische Figur, also ob die linke Hand liegen bleibt, in Achteln pulsiert oder arpeggiert. Und das Intro-Riff, oft zwei Takte Klavier, die im Raum alle sofort erkennen und die nirgends im Blatt auftauchen.
Am Intro-Riff merkst du es am deutlichsten. Wenn deine Version eines Songs technisch stimmt und trotzdem nicht zündet, fehlt dir meistens eine bestimmte Figur, die auf der Aufnahme am Klavier gespielt wird. Ein falscher Akkord ist es selten. Um die Akkordblatt-Seite geht es ausführlich in unseren Artikeln über Akkordblätter für Lobpreislieder und Akkordsymbole lesen. Hier geht es um die Lücke zwischen Blatt und Aufnahme.
Die Stimme aus der Aufnahme holen
Im Lobpreis kommt noch etwas dazu: Die Version, die dein Team spielt, ist oft nicht die Studiosingle. Lobpreislieder gibt es als Studioaufnahme, als Live-Album-Version, als Akustik-Session und als Radio Edit, und die unterscheiden sich deutlich. Die Live-Version hat meistens die größere Klavierstimme, ein längeres Intro und eine Rückung, die es in der Studiofassung nicht gibt. Selbst mit gutem Material lernst du also leicht die falsche Version.
Heraushören, langsamer abgespielt
Das ist der klassische Weg, und für deine eigene Entwicklung ist er wirklich der beste. Lobpreis-Harmonik wiederholt sich absichtlich, ist größtenteils diatonisch und kommt mit einem kleinen Vokabular aus. Deshalb eignet sie sich ungewöhnlich gut, um das Heraushören zu lernen. Wenn du das ein Jahr lang machst, brauchst du keine Akkordblätter mehr. Wie das geht, steht in unseren Anleitungen zum Heraushören und zum Verlangsamen von Musik, ohne die Tonhöhe zu ändern.
Der Haken ist die Zeit, und die fehlt dir am Donnerstagabend oft, wenn noch drei andere Songs warten.
Direkt aus der Aufnahme
Hier passt Anything Piano so gut in den Ablauf, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Du gibst der App genau den Track, den dein Team verwendet, als Audiodatei oder als Link von YouTube, TikTok oder Instagram. Ein Transkriptionsmodell schreibt daraus die Klavierstimme und zeigt sie als fallende Noten, zu denen du mitspielst. Die App arbeitet mit der Version, die du ihr gibst. Die Live-Album-Fassung mit der zusätzlichen Rückung übst du also getrennt von der Studiosingle, und das ist im Lobpreis wichtiger als in fast jedem anderen Genre.
Auch das Problem mit dem Intro-Riff ist damit gelöst, denn eine Figur, die im Blatt fehlt, ist im Audio einfach da. Du kannst sie langsamer laufen lassen, die zwei Takte üben und wieder auf Tempo bringen. Dein Spiel erkennt die App über das Mikrofon, über Bluetooth und über USB-MIDI. In der Gemeinde ist das praktisch: Dort steht oft ein Klavier oder ein Stagepiano, an das du nicht so leicht ein Kabel anschließt, und ein Handy auf dem Notenpult funktioniert bei beiden. Außerdem ist kein Lobpreislied zu unbekannt. Das zählt, weil Apps mit festem Songkatalog kaum etwas aus diesem Repertoire haben und gerade die neuesten Songs auf deiner Setlist landen.
Wo die App hier weniger hilft: Anything Piano erstellt nur Piano-Roll-Tutorials und keine Noten. Für Noten auf dem Pult bei der Probe ist sie also nicht das richtige Werkzeug, und eine Akkordblatt-Ansicht hat sie nicht. Sie sagt dir auch nicht, welche Entscheidungen der aufgenommenen Klavierstimme du behalten solltest, wenn du mit einer Gitarre zusammenspielst. Das musst du selbst abwägen. Mehr dazu steht weiter unten. Und im Moment läuft sie auf iPhone und iPad, für Android gibt es eine Warteliste.
Wenn du etwas auf Papier willst, macht Klaviertranskription aus derselben Aufnahme Noten, MIDI und MusicXML. Das passt besser, wenn eine Vertretung am Klavier etwas zum Lesen braucht oder wenn du die Voicings aufschreiben und behalten willst. Mehr dazu findest du unter Lobpreis-Klavier transkribieren, und um die spontanen Teile eines Gottesdienstes geht es in Akkorde und Noten für spontanen Lobpreis.
Tonarten, Stimmen und Transponieren
Frag nach der Tonart des Sets, bevor du irgendetwas lernst. Im Lobpreis wandern Tonarten ständig: nach unten für eine tiefere Stimme, nach oben für einen helleren Klang, in eine gitarrenfreundliche Tonart, damit an der Akustikgitarre niemand mit dem Kapodaster im fünften Bund spielen muss.
Auf Dauer hilft es, Akkordfolgen als Zahlen statt als Buchstaben zu lernen. Weißt du, dass ein Refrain 1-5-6-4 ist, kannst du ihn in jeder Tonart spielen, indem du die Form verschiebst, und du brauchst nicht jedes Mal ein neues Blatt, wenn sich die Tonart für die Stimme ändert. Genau dafür gibt es die Nashville-Notation, und im Lobpreis zahlt sie sich schneller aus als in jedem anderen Genre.
Eine ausgeschriebene Stimme transponierst du vor der Probe. In einer Tonart lesen und in einer anderen spielen ist zwar gut zu können, aber live solltest du das nicht üben müssen. Mit Noten transponieren geht ein ganzes Blatt auf einmal, und wie du überhaupt die passende Tonart findest, steht in Einen Song an deine Stimme anpassen.
In der Band oder allein
Eine aufgenommene Lobpreis-Klavierstimme wurde für einen vollen Mix eingespielt, und sie genau zu kopieren ist oft die falsche Entscheidung. Was du spielen solltest, hängt davon ab, wer sonst noch auf der Bühne steht.
- Mit Bass bleibst du unten raus. Oktaven der linken Hand in der tiefen Lage werden zu Matsch. Geh nach oben, leg die Voicings in die Mitte und überlass dem Bass den Grundton.
- Mit Akustikgitarre doppelst du nicht das Schlagmuster. Den Rhythmus deckt die Gitarre schon ab. Halt Flächen oder spiel die melodische Figur, die die Gitarre nicht spielen kann.
- Spielt ein zweites Keyboard Flächen, übernimmst du den Rhythmus. Wenn zwei Leute Flächen halten, ist einer davon verschenkt.
- Allein mit Gesang spielst du die ganze Aufnahme. Hier ist es richtig, die Klavierstimme möglichst genau nachzuspielen, weil du alle Rollen gleichzeitig abdeckst.
- In jeder Besetzung lernst du das Intro-Riff genau. An diesen zwei Takten erkennt die Gemeinde den Song, und hier lohnt es sich, Ton für Ton nachzuspielen.
Ein Wochenplan
- Hol dir Setlist und Tonarten am selben Tag. Kläre danach, welche Aufnahme das Team bei jedem Song meint.
- Hör einmal zu, ohne nebenbei etwas anderes zu tun. Achte auf die Form, auf die Rückung, falls es eine gibt, und darauf, ob das Klavier führt oder im Hintergrund trägt.
- Lern zuerst die Akkordfolge als Zahlen. Zehn Minuten pro Song, und schon kannst du alle vier holprig spielen. Das ist eine viel bessere Ausgangslage als ein einziger Song, der gut sitzt.
- Nimm das Intro-Riff und die typischen Voicings dazu. Diesen Teil holst du dir aus der Aufnahme statt aus dem Blatt, langsamer abgespielt und immer ein, zwei Takte auf einmal geübt.
- Spiel jeden Song einmal mit der Aufnahme durch. Beim Mitspielen zum echten Track merkst du die Übergänge, die im Blatt einfacher aussehen, als sie sind.
- Heb dir die zwei schwierigsten Takte für Samstag auf. Schlaf bringt einer Passage mehr als eine fünfte Wiederholung am Donnerstag.
Häufige Fragen
Wie lerne ich Lobpreislieder am Klavier schnell?
Lern zuerst die Akkordfolge und danach die Klavierstimme aus der Aufnahme. Mit der Akkordfolge kannst du den Song überhaupt erst spielen, und die meisten Lobpreislieder kommen mit vier oder fünf Akkorden aus. Für das, was dir kein Akkordblatt verrät, also das Intro-Riff und die konkreten Voicings, nimmst du die Aufnahme, die dein Team wirklich verwendet. Anything Piano macht aus diesem Track eine spielbare Piano Roll, die du langsamer laufen lassen kannst. Das geht schneller, als die Stimme aus dem Akkordblatt zu erraten.
Warum klingt das Akkordblatt nicht wie die Aufnahme?
Ein Akkordblatt sagt dir, welche Akkorde du spielst, aber so gut wie nichts darüber, wie das Klavier sie tatsächlich spielt. Eine Lobpreis-Klavierstimme erkennt man an Voicing, Umkehrung, Lage, rhythmischer Figur und Intro-Riff, und nichts davon steht im Akkordblatt. Zwei Pianist:innen können nach demselben Blatt völlig unterschiedlich klingen. Deshalb brauchst du die Aufnahme als Referenz.
Muss ich Noten lesen können, um im Lobpreis Klavier zu spielen?
Nein, und die meisten Lobpreis-Pianist:innen spielen auch nicht nach Noten. Im Lobpreis liest man Akkordblätter und Nashville-Zahlen statt Noten, weil sich die Setlist jede Woche ändert und die Tonart sich nach der Person richtet, die gerade singt. Noten lesen zu können hilft trotzdem, vor allem wenn du eine bestimmte Klavierstimme aus einer Aufnahme genau lernen willst. Eine Voraussetzung wie beim klassischen Klavier ist es hier aber nicht.
Wie spiele ich ein Lobpreislied in einer anderen Tonart?
Lern die Akkordfolge als Zahlen statt als Buchstaben. Dann bleibt eine 1-5-6-4 in jeder Tonart dieselbe Form, und zum Transponieren verschiebst du einfach diese Form. Alles Ausgeschriebene, ob Akkordblatt oder Noten, transponierst du vor der Probe in die neue Tonart, statt beim Spielen im Kopf umzurechnen. Meistens wechselt die Tonart wegen der Stimme am Mikro, also frag erst, welche Tonart gesungen wird, bevor du die Aufnahme in ihrer Originaltonart lernst.
Zum Schluss
Lobpreis am Klavier gilt als die einfachere Art zu spielen, weil die Harmonik einfach ist, und das ist sie auch. Schwierig sind die Bedingungen: jede Woche neues Material, Tonarten, die sich nach einer Stimme richten, eine Version des Songs, die vielleicht nicht die von der Single ist, und ein Arrangement, das sich danach richten muss, wer zur Probe gekommen ist. Das sind die eigentlichen Schwierigkeiten, und mit mehr Akkorden löst du keine davon.
Bau also lieber einen Ablauf auf als ein Repertoire. Zahlen statt Buchstaben, damit dich ein Tonartwechsel nichts kostet. Erst die Akkordfolge, dann die Stimme, damit nie ein Song deinetwegen von der Liste fliegt. Und die echte Aufnahme als Referenz für die paar Dinge, die ein Akkordblatt nicht zeigen kann. Genau da hat eine App wie Anything Piano, die aus jeder Aufnahme die Klavierstimme macht, am Donnerstagabend ihren Platz. Der neueste Song auf der Setlist ist genau der, den noch kein Katalog hat, und du brauchst ihn bis Sonntag.