Wenn du nach Jahren wieder Klavier spielst, fängst du anders an als beim ersten Mal. Und du kommst schneller voran. Notenlesen, Rhythmus, die Orientierung auf den Tasten und früher gut gelernte Stücke kommen oft innerhalb von Tagen oder Wochen zurück. Unabhängige Fingerbewegungen, Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer kehren dagegen nicht von allein zurück. Im Übeplan brauchen diese beiden Bereiche deshalb unterschiedliche Aufgaben.
Im ersten Monat machen viele denselben Fehler. Sie setzen sich mit dem Stück ans Klavier, an dem sie vor Jahren zuletzt gearbeitet haben. Die Hände schaffen nicht, was die Ohren erwarten, und daraus wird schnell der Gedanke, alles verlernt zu haben. Meist ist nur wenig verloren gegangen. Der Einstieg war bloß gleich an der schwierigsten Stelle.
Wenn du ganz neu anfängst, passt unser Artikel über Klavier-Apps für erwachsene Anfänger:innen besser. Für den Wiedereinstieg hilft ein Plan für die ersten vier Wochen, der auf dem passenden Niveau beginnt und Platz für Musik lässt, die du spielen möchtest.
Zur Transparenz: Wir entwickeln Songscription. Unser Team entwickelt auch Anything Piano. Beide kommen hier kurz vor. Der größte Teil des Artikels beschreibt aber, wie du ohne App üben kannst.
Was kommt schnell zurück?
Wissen ist schnell wieder da, ebenso Stücke, die du früher gründlich gelernt hast. Notenlesen, Tonartvorzeichnungen, Rhythmus und der Aufbau von Akkorden kommen bei den meisten innerhalb weniger Tage zurück. Du hast sie als Zusammenhänge gelernt, nicht als Bewegungen. Alte Stücke tauchen oft in Bruchstücken auf: Die Hände erinnern sich an eine Stelle, bevor du bewusst weißt, wie sie geht. Das kann auch nach zwanzig Jahren noch passieren.
Was noch da ist, musst du nicht von Grund auf neu lernen:
- Beim Notenlesen bist du anfangs vielleicht langsam. Die Notennamen und Rhythmen kennst du aber noch. Wenn du täglich einfache Noten liest, kommt die Geschwindigkeit zurück.
- Musiktheoretisches Wissen bleibt erhalten. Wenn du früher wusstest, was ein Dominantseptakkord ist, weißt du es auch heute noch.
- Gründlich geübte Stücke bleiben als Bewegungsmuster gespeichert. Das gilt besonders für Prüfungsstücke, an denen du monatelang gearbeitet hast. Diese Muster können erstaunlich lange erhalten bleiben. Rechne eher mit einzelnen Stellen als mit einem ganzen Stück, das sofort wieder durchläuft.
- Dein Gehör ist oft besser als damals. Schließlich hast du als Erwachsene:r jahrelang weiter Musik gehört.
Gerade der letzte Punkt hat zwei Seiten. Du hörst jeden Fehler, und das hilft dir beim Üben. Gleichzeitig klingt dein Spiel für dich dadurch manchmal schlechter, als es tatsächlich ist.
Was musst du wieder aufbauen?
Die körperlichen Fähigkeiten brauchen Übung: unabhängige Fingerbewegungen, gleichmäßiges und schnelles Spielen, Kraft in den schwächeren Fingern und Ausdauer für längere Stücke. Ohne Üben lassen sie stärker nach als dein Wissen. Sie kommen durch regelmäßiges, langsames und sorgfältiges Spielen zurück. Auch das flüssige Blattspiel lässt nach, denn dafür musst du immer wieder neue Noten lesen.
Die Schwachstellen sind meist ähnlich. Ringfinger und kleiner Finger verlieren zuerst Kraft und Unabhängigkeit. Triller, schnelle Tonleiterläufe und Stellen, bei denen der kleine Finger der rechten Hand gleichmäßig spielen muss, fühlen sich deshalb oft besonders schwierig an. Beide Hände zusammen sind häufig unsicherer als jede Hand für sich. Auch die Ausdauer ist geringer: Ein Stück, das du früher durchspielen konntest, macht heute vielleicht schon die Unterarme müde.
In dieser Phase ist es leicht, zu viel zu erzwingen. Dein Ohr weiß, wie schnell das Stück klingen soll. Da liegt es nahe, gleich so schnell zu üben und trotz Spannung weiterzuspielen. Übe lieber langsam und hör auf, wenn sich Unterarm oder Handgelenk verspannen. Spielst du beim Wiedereinstieg einen Monat lang mit Spannung, kann daraus eine Gewohnheit werden, an der du deutlich länger als einen Monat arbeiten musst, um sie wieder loszuwerden.
Was nach Jahren ohne Klavier oft schnell zurückkommt und was du gezielt wieder aufbauen musst
| Fähigkeit | Wie sie zurückkommt | Wie du daran arbeiten kannst |
|---|---|---|
| Notenlesen | Schnell, anfangs noch langsam | Jeden Tag einfache Noten lesen |
| Theorie und Akkorde | Schnell | Bei Bedarf auffrischen, keine zusätzlichen Übungen nötig |
| Gut gelernte alte Stücke | In Bruchstücken | Prüfen, was noch da ist, statt sie zum Übeziel zu machen |
| Unabhängige Fingerbewegungen | Langsam | Langsame Tonleitern und kurze Übungen |
| Geschwindigkeit und Gleichmäßigkeit | Langsam | Mit Metronom üben und das Tempo in kleinen Schritten erhöhen |
| Ausdauer | Langsam | Kurz üben und die Einheiten nach und nach verlängern |
| Flüssiges Blattspiel | Mittelschnell | Viele neue, einfache Stücke lesen |
Ein Übeplan für den ersten Monat
Beginne im ersten Monat unter deinem früheren Niveau. In kurzen täglichen Einheiten teilst du die Zeit zwischen Technik, Notenlesen und einem Stück auf, das dir etwas bedeutet. Etwa zwei Prüfungsstufen unter deinem letzten ABRSM- oder RCM-Niveau sind ein guter Ausgangspunkt. In diesem Monat müssen deine Hände erst wieder so weit kommen, dass du beim Üben vorankommst und nicht ständig frustriert bist. Neue Stücke für dein Repertoire haben später noch Zeit.
Der Plan geht von zwanzig bis dreißig Minuten am Tag aus, an den meisten Tagen der Woche. Wie oft du übst, zählt dabei mehr als die Länge der einzelnen Einheit. Unser Artikel darüber, wie lange du täglich Klavier üben solltest, erklärt, warum kurze, häufige Einheiten beim Wiederaufbauen körperlicher Fähigkeiten mehr bringen.
Ein Plan für die ersten vier Wochen nach einer längeren Klavierpause, mit einem Schwerpunkt und passenden Aufgaben für jede Woche
| Woche | Schwerpunkt | Was du spielst | Woran du merkst, dass du weitergehen kannst |
|---|---|---|---|
| 1 | Wieder vertraut werden | Tonleitern in C-Dur, G-Dur und F-Dur mit jeder Hand einzeln; ein einfaches Stück zwei Prüfungsstufen unter deinem früheren Niveau | Das Notenlesen fällt dir leichter |
| 2 | Gleichmäßig spielen | Langsame Tonleitern mit beiden Händen; eine kurze Übung von Czerny oder Hanon; weiter am einfachen Stück arbeiten | Die Tonleitern klingen bei langsamem Tempo gleichmäßig |
| 3 | Ein selbst gewähltes Stück anfangen | Ein selbst gewähltes Stück in kurzen Abschnitten beginnen; die Tonleitern beibehalten | Du kannst einen Abschnitt daraus langsam spielen |
| 4 | Festigen | Das einfache Stück fertig lernen, am selbst gewählten Stück weiterarbeiten und ein altes Stück aus dem Gedächtnis oder nach Noten dazunehmen | Du kommst beim Üben voran, statt dich zu ärgern |
Ein paar Dinge helfen bei der Umsetzung:
- Übe öfter mit jeder Hand einzeln als in deiner Kindheit. So kannst du an der schwächeren Hand arbeiten, meist der linken, und wieder gleichmäßiger spielen, ohne gleichzeitig beide Hände koordinieren zu müssen. Mehr dazu steht in unserem Artikel über das Üben mit getrennten Händen.
- Mit einem Metronom kannst du das Tempo in kleinen Schritten erhöhen. Ein paar Schläge pro Minute mehr am Tag reichen. Spring nicht gleich auf das Tempo, in dem du das Stück später spielen möchtest.
- Nimm nur wenige technische Übungen dazu. Ein paar Minuten Hanon oder eine kurze Czerny-Etüde reichen. Sie dienen zum Aufwärmen für die Musik und müssen nicht den Großteil deiner Übezeit ausmachen.
- Prüfe deinen Fingersatz. Alte Gewohnheiten und Fingersätze, die du früher nie ganz geklärt hast, tauchen schnell wieder auf. Wenn in deinen alten Noten keine Fingersätze stehen, schlägt der Fingersatz-Generator für Klavier welche für dein Stück vor.
Welche Musik möchtest du wirklich üben?
Wähle ein Stück auf deinem jetzigen Niveau, das du gern hören möchtest, und ergänze es mit leichterem Material für Notenlesen und Technik. Als Kind hast du wahrscheinlich gespielt, was im Unterricht oder für eine Prüfung vorgegeben war. Als Erwachsene:r hält dich oft der Wunsch am Instrument, ein bestimmtes Stück selbst zum Klingen zu bringen. Such dieses Stück zuerst aus und plane das übrige Material darum herum.
Alte Stücke
In deinen alten Prüfungsheften findest du gutes Material zum Notenlesen. Ein oder zwei Stücke daraus wieder zu lernen hilft dir auch einzuschätzen, was erhalten geblieben ist. Häufige Unterrichtsstücke wie das Menuett in G-Dur aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, die 25 leichten und fortschreitenden Etüden von Burgmüller oder Clementis Sonatinen op. 36 passen für viele beim Wiedereinstieg genau. Dass du die Musik schon kennst, hilft dabei.
Das Stück, für das du wieder angefangen hast
Viele setzen sich wegen eines bestimmten Stücks wieder ans Klavier. Oft ist es Musik, die im früheren Unterricht nicht vorkam: ein Song aus einem Film, etwas von einer Lieblingsband oder ein Stück, das sie auf einer Hochzeit gehört haben. Nimm es dir für die dritte Woche vor, auch wenn du es noch nicht ganz spielen kannst. Lerne den ersten Abschnitt langsam. Der Rest gibt dir einen Grund, dranzubleiben.
Wenn es dafür Noten auf deinem Niveau gibt, kannst du damit arbeiten. Falls nicht, gibt es zwei Wege. Mit der Klavier-Transkription in Songscription werden aus der Aufnahme Noten. Das passt, wenn du beim Wiedereinstieg weiter nach Noten spielen möchtest. Die Funktion für einfache Klaviernoten erstellt sie in fünf Schwierigkeitsstufen. So kannst du leichter anfangen und später eine höhere Stufe wählen.
Möchtest du den Song lieber jetzt spielen und dich später wieder mit dem Notenlesen beschäftigen, macht Anything Piano aus einer Aufnahme, einer Audiodatei oder einem YouTube-Link eine Piano Roll mit herabfallenden Noten. Du spielst dazu, während Anything Piano über das Mikrofon zuhört. Das funktioniert auch an einem akustischen Klavier, also etwa an dem alten Klavier, an das du jetzt zurückkehrst. Songs werden in Abschnitte aufgeteilt, die du einzeln lernst. Du kannst sie langsamer abspielen und mit einer Hand nach der anderen üben. Wenn du die Fingersätze einschaltest, siehst du die Fingernummern in der Piano Roll.
Für den Wiedereinstieg hat Anything Piano eine Einschränkung: Es zeigt eine Piano Roll und keine Noten.
Häufige Fehler beim Wiedereinstieg
Am häufigsten beginnen Menschen genau dort, wo sie aufgehört haben. Dazu kommt oft der Versuch, im ersten Monat zu prüfen, ob sie es noch können. Beides führt zu Frust, der nichts über ihr Können aussagt. Fang auf einem leichteren Niveau an und übe kürzer, dafür öfter. Nach einem Monat mit regelmäßigem Spielen kannst du deinen Stand besser einschätzen als nach dem ersten Abend.
Auch diese Gewohnheiten können dir im Weg stehen:
- Du vergleichst dich mit deinem jüngeren Ich. Damals hast du jahrelang täglich geübt. Die körperlichen Fähigkeiten brauchen Zeit, um wieder aufzuholen.
- Du lässt die einfachen Stücke aus. Gerade an ihnen kommen flüssiges Notenlesen und gleichmäßiges Spielen zurück. Sie sind auch dann sinnvoll, wenn du früher schwerere Stücke gespielt hast.
- Du spielst nur alte Stücke. Das frühere Repertoire wieder zu lernen macht eine Woche lang Freude. Danach bleibt davon oft vor allem Nostalgie. Nimm auch etwas Neues dazu.
- Du spielst trotz Spannung weiter. Wenn sich Handgelenk, Unterarm oder Schulter verspannen, werde langsamer. Trotz Spannung weiterzumachen kann gerade bei Erwachsenen zu Verletzungen führen.
Wenn du vor allem wieder flüssig Noten lesen möchtest, lies täglich ein wenig neue, einfache Musik. Das bringt mehr, als einmal pro Woche viel zu lesen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, als Erwachsene:r wieder Klavier spielen zu lernen?
Das hängt davon ab, wie weit du damals gekommen bist und wie lange du nicht gespielt hast. Die meisten, die wieder anfangen, können nach wenigen Wochen wieder einfache Stücke lesen und spielen, also deutlich schneller als beim allerersten Einstieg. Technik und Geschwindigkeit brauchen länger. Meist dauert es mehrere Monate mit regelmäßigem Üben, bis du deinem früheren Stand nahekommst. Als Orientierung kannst du etwa zwei Prüfungsstufen unter deinem letzten Niveau einsteigen. Die Stufen dazwischen durchläufst du wahrscheinlich recht schnell wieder.
Verlernt man das Klavierspielen?
Nicht ganz. Notenlesen, Rhythmus, die Orientierung auf den Tasten und gründlich gelernte Stücke bleiben oft über Jahre erhalten, manchmal überraschend gut. Nachlassen können dagegen die körperlichen Fähigkeiten: unabhängige Fingerbewegungen, Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer. Auch das flüssige Blattspiel leidet. Deshalb weißt du beim Wiedereinstieg oft genau, wie eine Stelle klingen soll, während die Hände noch nicht ganz mitkommen.
Sollte ich die Stücke aus meiner Kindheit wieder lernen?
Ja, ein oder zwei davon. Sie kommen schneller zurück als neue Stücke und zeigen dir, was noch da ist. Dein ganzer Übeplan sollte aber nicht aus alten Prüfungsstücken bestehen. Nimm auch einen Song oder ein Stück dazu, das du selbst ausgesucht hast und heute spielen möchtest. Als Erwachsene:r übst du oft deshalb weiter, weil du hören willst, wie es unter deinen Händen klingt. Meist hält dich genau dieses Stück am Instrument.
Lohnt sich beim Wiedereinstieg wieder Klavierunterricht?
Ein paar Unterrichtsstunden zu Beginn lohnen sich auch dann, wenn du anschließend allein weiterarbeiten möchtest. Eine Lehrkraft kann Gewohnheiten erkennen, die sich eingeschlichen haben oder früher nie korrigiert wurden, etwa Spannung im Handgelenk oder eine Handhaltung, die beim Spielen zusammensackt. Sie kann auch einschätzen, auf welchem Niveau du am besten wieder anfängst. Danach hilft eine Stunde alle ein bis zwei Monate, deinen Stand realistisch einzuschätzen. Im Alltag kannst du mit Apps, Büchern und den Aufnahmen üben, die du gern hörst.
Wieder am Klavier ankommen
Der Wiedereinstieg wird oft so beschrieben, als müsse man ganz von vorn anfangen. Diese Vorstellung kann viel kaputtmachen. Wer glaubt, alles verloren zu haben, setzt sich ans Klavier, spielt das letzte erinnerte Stück und hört, wie weit es vom früheren Klang entfernt ist. Dann geht der Deckel vielleicht gleich wieder zu. Dabei zeigen die Hände schon, was noch da ist: Noten lassen sich weiterhin lesen, Akkorde sind noch vertraut und Bruchstücke alter Stücke kommen von selbst zurück. Vor allem die körperlichen Fähigkeiten haben nachgelassen. Diese Fähigkeiten kommen mit geduldigem, regelmäßigem Üben zurück, das sich auch im Erwachsenenalltag einplanen lässt.
Ein leichterer Einstieg und kürzere Einheiten helfen, selbst wenn du dir schon mehr zutraust und am liebsten lange spielen würdest. Dazu gehört ein Stück, das du heute selbst spielen möchtest, unabhängig von früheren Prüfungsvorgaben. Innerhalb eines Monats merken die meisten beim Wiedereinstieg, dass Ohren und Hände schneller wieder zusammenfinden, als sie erwartet hatten. Mit alten Stücken kannst du das flüssige Lesen wieder aufbauen. Gibt es für den Song, der dich zurück ans Klavier gebracht hat, kein Arrangement, kannst du ihn mit Anything Piano direkt zur Aufnahme spielen, während dein Notenlesen wieder sicherer wird. So liegt beim Hinsetzen auch Musik vor dir, die du gern spielen möchtest.