Videospielmusik gehört zu dem Klavierrepertoire, das am häufigsten gewünscht wird und am schwersten zu bekommen ist. Eine ganze Generation ist mit diesen Themen aufgewachsen. Sie liefen über Hunderte Stunden, in denen man ganz ins Spiel versunken war. Das bindet stärker, als es die meisten Popsongs schaffen, und trotzdem findet sich fast nichts davon in den Apps oder im Musikgeschäft. Wer Videospielmusik auf dem Klavier lernen will, hat deshalb vor allem damit zu tun, genaue Noten zu finden. Das Üben kommt danach.
Auch beim Schwierigkeitsgrad ist die Spanne größer als bei den meisten Stücken, denn nichts davon wurde ursprünglich fürs Klavier geschrieben. Ein Chiptune-Track und ein Orchester-Track stellen dich vor völlig verschiedene Probleme, und wenn du weißt, welches von beiden du vor dir hast, gehst du anders heran.
Transparenzhinweis: Wir entwickeln Songscription, und unser Team entwickelt auch Anything Piano. Beide kommen im Abschnitt über die Noten vor, neben den Möglichkeiten, die nichts mit uns zu tun haben.
Warum Spielemusik überall fehlt
Zwei Gründe verstärken sich gegenseitig. Dass die Verlage glauben, niemand wolle diese Musik, gehört nicht dazu.
Der erste Grund ist die schiere Menge. Ein einzelnes Spiel kann sechzig oder achtzig Tracks mitbringen, und es gibt Zehntausende Spiele. Es gibt also riesig viel Spielemusik, und schwerer wiegt, dass sie so verstreut ist. Selbst wenn die ganze Kategorie sehr gefragt ist, suchen nach jedem einzelnen Track nur wenige. Ein Arrangement-Team, das überlegt, was es als Nächstes macht, findet immer eine Pop-Single, nach der mehr Leute suchen als nach einem Dungeon-Thema.
Dazu kommt, dass es oft keine maßgebliche Fassung gibt, an die man sich halten könnte. Ein Thema existiert vielleicht als Chiptune-Original, als Orchester-Remake, als Klavierfassung von einer Konzerttournee und in einem Dutzend Fan-Arrangements. Überall ist dieselbe Melodie zu erkennen, und keine dieser Fassungen ist die endgültige. Selbst ein Verlag, der ein offizielles Buch herausbringt, muss entscheiden, auf welcher Version seine Klavierfassung beruht. Deshalb hat keine der Katalog-Apps, ob Simply Piano, flowkey, Skoove oder Yousician, nennenswert etwas davon im Angebot, und Wünsche einzureichen bringt nichts.
Vier Wege zu den Noten
Offizielle Klaviersammlungen
Wenn es sie gibt, sind sie die beste Wahl. Zu mehreren großen Spielereihen sind Klavierbücher erschienen, oft sauber für zwei Hände arrangiert und mit sinnvollem Fingersatz, und zu einigen wenigen gibt es offizielle Alben mit Klavierarrangements, an denen sich die Bücher orientieren. Stammt dein Thema aus einer Reihe, die groß genug für so ein Buch ist, dann kauf es und überspring den Rest dieses Abschnitts. Ein lektoriertes, sauber gesetztes Arrangement schlägt alles, was du dir selbst zusammenbauen kannst.
Die Grenze liegt beim Umfang. Die offiziellen Bücher decken immer dasselbe gute Dutzend Reihen ab, und selbst dort findest du eher die berühmten Themen als den Track, den du gerade im Kopf hast.
Community-Arrangements und MIDI-Rips
Rund um Spielemusik gibt es eine ungewöhnlich engagierte Arrangier-Community, und manches, was dort entstanden ist, ist hervorragend. Schwierig ist das Aussortieren. Die Qualität schwankt enorm, viele Arrangements sollen eher beeindrucken als gut spielbar sein, und MIDI-Dateien, die direkt aus einem Spiel gezogen wurden, lassen sich so, wie sie sind, oft gar nicht spielen. Ein Soundchip konnte sechs unabhängige Stimmen gleichzeitig halten, deine Hände können das nicht. Außerdem schleppt ein Rip Schlagzeug und Soundeffekte auf Kanälen mit, die du nicht brauchst.
Wenn du diesen Weg gehst, rechne mit Nacharbeit. Was dabei meistens anfällt, steht in unserem Artikel zum Aufräumen von MIDI-Dateien, und wie daraus gut lesbare Noten werden, erklärt der Artikel MIDI in Noten umwandeln.
YouTube-Tutorials
Hier ist die Auswahl wirklich gut, denn dieselbe Begeisterung, aus der die Arrangier-Community entstanden ist, hat auch die Tutorial-Kanäle hervorgebracht. Der Haken ist das Format. Du ziehst den Regler der Video-Zeitleiste hin und her, hältst an, spulst zurück und rätst, was die linke Hand macht, und ein guter Teil deiner Übezeit geht dafür drauf, einen Videoplayer zu bedienen statt zu spielen. Rückmeldung bekommst du auch keine, also bleibt ein falsch gelernter Ton falsch.
Aus der Aufnahme transkribieren
Das klappt mit allem, auch mit dem Track, den noch nie jemand arrangiert hat. Nach Gehör zu transkribieren bringt dich musikalisch am weitesten und ist mit Abstand der langsamste Weg. Deshalb solltest du dich bewusst dafür entscheiden und nicht einfach aus Gewohnheit. Wie das geht, steht in unserem Artikel übers Transkribieren nach Gehör.
Wenn die Noten für dich nur Mittel zum Zweck sind, erledigt ein Transkriptionsmodell das in ein paar Minuten. Anything Piano nimmt eine Audiodatei oder einen Link von YouTube, TikTok oder Instagram, schreibt aus der Aufnahme die Klavierstimme heraus und macht daraus fallende Noten. Die kannst du langsamer abspielen und dazu mitspielen, während die App über dein Mikrofon oder per Bluetooth- oder USB-MIDI zuhört. Anything Piano erstellt ausschließlich Piano-Roll-Tutorials und keine Noten. Deshalb ist der Weg zu Noten weiter unten ein eigenes Tool und keine Einstellung in der App. Von allen Wegen in diesem Artikel passt dieser am besten zu Spielemusik, denn die steht ja in keinem Katalog, und die App braucht auch keinen. Sie arbeitet mit der Version, die du ihr gibst. Das Orchester-Remake und das Chiptune-Original sind dann einfach zwei verschiedene Stücke zum Üben, und über die maßgebliche Fassung musst du nicht streiten.
Wenn du lieber liest, als Noten herunterfallen zu sehen, macht Songscription mit der Klaviertranskription aus derselben Aufnahme Noten, MIDI und MusicXML, die du ausdrucken, bearbeiten und mit eigenen Fingersätzen beschriften kannst. Unser Begleitartikel zum Transkribieren von Videospielmusik geht genauer auf die Noten ein, unter anderem darauf, was du mit Arpeggien aus der Chip-Ära machst, die sich wörtlich transkribiert furchtbar lesen.
Was Spielemusik unbequem macht
- Sie wurde für einen Soundchip oder ein Orchester geschrieben und nicht für zehn Finger. Nichts garantiert, dass du eine Passage überhaupt greifen kannst. Beim Arrangieren kümmert sich ein Mensch darum, und genau das fehlt dir, wenn du direkt mit einer Aufnahme arbeitest.
- Chiptune-Arpeggien. Alte Soundchips konnten auf einer Stimme keinen Akkord spielen, also haben die Komponist:innen Harmonien mit sehr schnell gebrochenen Akkorden vorgetäuscht. Wörtlich transkribiert wird aus einem einfachen C-Dur ein Strom aus Sechzehnteln, der schwerer ist als die Harmonie, für die er steht. Meistens spielst du besser den gemeinten Akkord und behältst die Melodie.
- Loops statt Schluss. Spiele-Tracks sind dafür gebaut, sich endlos zu wiederholen, und viele haben überhaupt keine Schlusskadenz. Einen Schluss musst du dir selbst ausdenken. Das ist ein kleines Stück Arrangierarbeit und hat mit der Transkription nichts zu tun.
- Vielschichtige Mixe ganz ohne Klavier. Einen Track mit Orchester oder Synthesizern im Vordergrund musst du auf zwei Hände reduzieren, und was du dabei behältst, ist Ermessenssache. Die Grundlagen stehen in unserem Artikel zum Klavierauszug.
- Ambient-Flächen, die sich nicht reduzieren lassen. Manche Tracks bestehen aus Pads, Hall und Atmosphäre und haben kaum Töne. Auf dem Klavier klingen sie dünn, egal was du machst, und ehrlich gesagt nimmst du dann besser einen anderen Track.
Was dich in welcher Ära erwartet
Videospielmusik nach Ära: wie die Musik jeder Ära klingt, was am Klavier am schwierigsten ist und wie gut die Transkription damit zurechtkommt
| Ära | Klang | Hauptschwierigkeit | Transkription |
|---|---|---|---|
| Chip-Ära | Wenige klare Stimmen, kein Hall | Schnelle Arpeggien als Ersatz für Akkorde | Sehr gut |
| Frühe CD-Ära | Gesampelte Instrumente, kleine Ensembles | Ein Ensemble auf zwei Hände reduzieren | Gut |
| Orchester-Ära | Echtes Orchester, dichte Mixe | Entscheiden, was bleibt | Mittelmäßig, Nacharbeit einplanen |
| Indie und Klavier im Vordergrund | Oft schon Soloklavier | Meist keine, liegt gut in der Hand | Hervorragend |
| Ambient und Atmosphäre | Pads, Drones, Klangflächen | Zu wenig Töne, die etwas tragen | Schlecht, lieber einen anderen Track wählen |
Zwei Zeilen helfen dir direkt weiter. Indie-Tracks und Tracks mit Klavier im Vordergrund sind der leichteste Einstieg in die ganze Spielemusik und gehören gleichzeitig zu den beliebtesten. Wenn du gerade erst anfängst, fang also dort an. Und Musik aus der Chip-Ära lässt sich sehr sauber transkribieren, weil die Aufnahme aus ein paar klaren, einstimmigen Linien ohne Hall besteht. Für ein Transkriptionsmodell ist das nahezu ideales Material. Nur ist die wörtliche Transkription eines Chip-Tracks schwerer zu spielen, als die Musik eigentlich ist, also plan ein, die Arpeggien zu vereinfachen.
So gehst du der Reihe nach vor
- Wähl die Fassung aus, nicht nur den Track. Das Orchester-Remake, das Chiptune-Original und das Klavierarrangement aus dem Konzert sind drei verschiedene Stücke. Nimm die Fassung, die du dich wirklich selbst spielen hören willst.
- Besorg dir genaue Noten, bevor du irgendetwas übst. Eine Stunde mit einer schlechten Transkription kostet dich mehr als diese Stunde, weil du das Gelernte hinterher wieder verlernen musst.
- Kürz den Loop auf einen Durchgang des Themas. Sechzehn oder zweiunddreißig Takte sind ein Stück, das du diesen Monat schaffen kannst. Der ganze Track mit all seinen Wiederholungen ist es nicht.
- Vereinfache, bevor du dich abmühst. Dünn die Chip-Arpeggien aus, lass im Orchestersatz eine Mittelstimme weg, leg einen Basston, der außerhalb des Tonumfangs liegt, eine Oktave höher. Wie das geht, ohne dass die Melodie verloren geht, zeigt unser Artikel dazu, wie du ein Klavierstück leichter spielbar machst.
- Übe acht Takte im halben Tempo, bis sie langweilig werden. Wenn es langweilig wird, sitzt die Stelle. Mehr dazu im Artikel Einen Song Abschnitt für Abschnitt lernen.
- Schreib dir einen eigenen Schluss. Halte den letzten Akkord aus oder löse auf die Tonika auf. Das dauert fünf Minuten und macht aus einem Loop etwas, das du vorspielen kannst.
Häufige Fragen
Wie lerne ich Videospielmusik auf dem Klavier?
Besorg dir zuerst genaue Noten. Daran bleiben die meisten hängen, denn offizielle Klavierbücher gibt es nur für wenige Spielereihen. Für alles andere arbeitest du am zuverlässigsten direkt mit der Aufnahme: Anything Piano macht aus einem Spiele-Track eine spielbare Piano Roll, die du langsamer abspielen kannst, und Songscription macht aus derselben Aufnahme Noten zum Ausdrucken. Danach übst du Abschnitt für Abschnitt im halben Tempo, statt jedes Mal den ganzen Track durchzuspielen.
Warum gibt es Videospielmusik nicht in Klavier-Apps?
Spielemusik gibt es in riesiger Menge, verteilt auf Tausende Titel. Jedes Arrangement kostet viel Arbeit, und für den einzelnen Track interessieren sich nur wenige. Katalog-Apps arrangieren jeden Song von Hand und konzentrieren sich deshalb auf Pop und Klassik. Anything Piano umgeht das Problem, weil es aus der Aufnahme eine spielbare Piano Roll erzeugt und keinen Katalogeintrag braucht.
Ist Videospielmusik auf dem Klavier schwer zu spielen?
Die Schwierigkeit schwankt stärker als bei den meisten anderen Stücken, weil diese Musik nicht fürs Klavier geschrieben wurde. Chiptune-Tracks sind bei den Tönen oft leicht, aber rhythmisch unbequem, denn die schnellen Arpeggien, mit denen alte Soundchips Akkorde ersetzt haben, sind schwerer als die Harmonien dahinter. Orchester-Tracks musst du auf zwei Hände reduzieren. Am besten spielbar ist meist das ruhige Thema mit Klavier im Vordergrund, und genau das wollen viele ja auch lernen.
Wo bekomme ich Klaviernoten für Videospielmusik?
Für die größten Spielereihen gibt es offizielle Klaviersammlungen, und wenn sie enthalten, was du suchst, lohnt sich der Kauf. Abseits davon schwanken Arrangements aus der Community stark in der Qualität, und MIDI-Rips sind ohne Nachbearbeitung oft nicht spielbar. Für alles, was nicht in den offiziellen Büchern steht, ist die Transkription der Aufnahme der verlässliche Weg, und ein Transkriptionstool erledigt das in ein paar Minuten statt an einem ganzen Abend.
Zum Schluss
Spielemusik hat in der Klavierwelt einen seltsamen Stand. Misst man, wie sehr die Leute an ihr hängen, ist sie für alle, die heute in ihren Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern sind, wichtiges Repertoire. Misst man, was es davon tatsächlich zum Lernen gibt, existiert sie kaum. Diese Lücke kommt daher, wie Arrangements entstehen: Ein Arrangement-Team greift zuerst zu den Songs mit dem größten Publikum.
Gerade bei dieser Musik ist die Arbeit mit der Aufnahme deshalb der normale Weg. Kauf das offizielle Buch, wenn es eins gibt, denn ein lektoriertes Arrangement ist besser als ein generiertes. Für alles andere gibst du einem Transkriptionstool die Fassung, die du liebst, und fängst an zu üben. Anything Piano macht daraus eine Piano Roll, die du langsamer abspielen kannst. Wenn du lieber liest, bekommst du dasselbe von Songscription als Noten zum Ausdrucken. Danach kürzt du den Loop auf einen Refrain, vereinfachst die Arpeggien und schreibst dir einen Schluss. Von allein hätte der Track nie aufgehört.